Der Japanische Teegarten im Golden Gate Park in San Francisco: Der Park entstand Ende des 19. Jahrhunderts und gehört zu den größten Parks der Welt.
Philippe Renault / hemis.fr / laif

Parks erobern die Stadt

Als Städter verbringen wir einen Großteil unseres Lebens in geschlossenen Räumen. Nur gut, dass es Parks gibt – hier hat man Erde unter den Füßen und einen freien Himmel über dem Kopf.

Mit fließenden Bewegungen hebt die Frau in der roten Jogginghose ihren rechten Arm und sinkt zeitgleich in einen tiefen Ausfallschritt. Eine Gruppe älterer Herrschaften im Pekinger Tiantan-Park tut es ihr gleich. Fast synchron schreiten die Männer und Frauen in dieselbe Richtung und führen dabei ihre Hände vor dem Körper entlang. Ihre Gesichter wirken konzentriert und doch entspannt. Kein seltener Anblick in den Parks der chinesischen Hauptstadt: Tai-Chi, das chinesische Schattenboxen, ist Volkssport im Reich der Mitte, und viele verlassen ihre Wohnungen oft schon vor dem Frühstück, um sich draußen im Grünen fit zu halten. Das tun eine Menge Großstädter überall auf der Welt: Büroangestellte joggen durch den Berliner Tiergarten, Studentinnen rollen im Golden Gate Park in San Francisco die Yogamatten aus, und in Nizzas Schlossberg-Park binden junge Slackliner ihr Gurtband zwischen den Bäumen fest. Was heute selbstverständlich ist, begann sich erst vor etwa 100 Jahren zu entwickeln. Zuvor legte man die eher unbequeme Sonntagskleidung an, wenn man sich auf ausgedehnte Spaziergänge in einen der wenigen Parks begab, die im 19. Jahrhundert überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich waren: Anlagen wie etwa der Wiener Stadtpark oder der Central Park in New York entstanden zu dieser Zeit. 


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imperiale Parks und Gärten sowieweitere insgesamt gut 2.000 Grünanlagen lassen sich in Wien zählen. Damit besteht mehr als die Hälfte des Stadtgebiets aus Grünflächen.

Heute ist er nicht mehr aus Manhattan wegzudenken, der 1873 eingeweihte Central Park, die grüne Lunge New Yorks. Mehr als 25 Millionen Besucher bevölkern jedes Jahr das 3,5 Quadratkilometer große, von Wegen durchzogene Rechteck, das sich zwischen Fifth Avenue im Osten und Columbus Avenue im Westen von der 59. bis hinauf zur 110. Straße erstreckt. Seine hohe Anziehungskraft verdankt der Central Park dabei nicht allein der Vielzahl an Sport-, Musik- und anderen kulturellen Veranstaltungen, die regelmäßig Massen von Menschen anziehen. Vor allem – und trotz allem – ist der Central Park ein Ort der Ruhe geblieben, wo der Lärm der Stadt (fast) nicht mehr zu hören ist und die gestressten New Yorker in der Mittagspause oder beim Sonntagsspaziergang ein wenig Abstand finden können zur Hektik ihrer Großstadt. Erste Ideen für solche Volksgärten und innerstädtische Erholungsgebiete kamen bereits Ende des 18. Jahrhunderts auf – zu Beginn der Industrialisierung. Auf der Suche nach Arbeit zogen immer mehr Menschen vom Land in die Städte, sodass deren Einwohnerzahlen rasant anstiegen. Die Folge: In den Wohnungen der neuen Arbeiterklasse herrschte drangvolle Enge. Plötzlich fehlte, was es in der bäuerlichen Gesellschaft zuvor im Übermaß gegeben hatte: frische Luft und genügend Platz für Bewegung. 


Was heute viele Studien bestätigen, ahnte man schon damals instinktiv – dass beides unverzichtbar ist, um Gesundheit und Zufriedenheit zu verbessern. Also wurden zuvor dem Adel vorbehaltene Schlossparks im Stil von Renaissance- und Barockgärten erstmals für die Bürger geöffnet und auch neue Parks angelegt. Als Vorreiter in Europa gilt München mit seinem Englischen Garten: Kurfürst Karl Theodor stellte 1789 ein Areal zur Verfügung, das der Gartengestalter Friedrich Ludwig von Sckell als Volkspark anlegen sollte. Nur knapp drei Jahre später wurde der Park, damals noch als „Theodors Park“, für die Allgemeinheit geöffnet und im Laufe der Jahre deutlich vergrößert. Eine große Parkanlage, wie beispielsweise auch der erste innerstädtische Nationalpark der Welt in Stockholm, der sich über zehn Kilometer an der Stadt entlangzieht und diese durchkreuzt, beeindruckt heute ebenso wie die Vielzahl an Grünflächen in einer Stadt. Mehr als 2.000 Grünanlagen sowie 280 imperiale Parks und Gärten zählen beispielsweise in Wien zum städtischen Lebensraum und machen allein die Hälfte des Stadtgebiets aus. Dabei ist es keineswegs die Größe, die zählt. Auch kleinere Stadtteil- oder Quartierparks haben wichtige Funktionen: Bäume liefern Sauerstoff und filtern Staub, überdies trägt grüner Freiraum zu einem attraktiven Wohn- und Arbeitsumfeld bei. Denn auch aus Büro fenstern schaut man lieber in die Natur als auf die verglasten Fronten des Nachbarhochhauses. Und Arbeitsmediziner weisen darauf hin, dass der Blick in die Ferne, weg von der Zahlenkolonne auf dem Bildschirm, ein wichtiges Moment der Entspannung ist.


Sehnsucht nach Grün

Möglich ist das im Düsseldorfer Bürogebäude Seestern 3, zu dem eine großzügige Grünanlage gehört. Dieser Park, der auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist, wird zurzeit vom Düsseldorfer Büro FSWLA Landschaftsarchitektur revitalisiert. Bis Ende April 2014 wollen die Planer ihre Arbeiten abgeschlossen haben. Eine besondere Herausforderung: Die Parkanlage steht unter Denkmalschutz. So wenig wie möglich darf an der Gesamtwirkung verändert werden. Darum kommen diejenigen Gehölzarten zum Einsatz, die der ursprüngliche Entwurf aus den 1960er-Jahren vorsah: Holunder, Ilex, Eibe und Schlehe blühen weiterhin im Park, obwohl eine modernere Planung sie vielleicht durch dekorative Kirschen oder Zieräpfel ersetzt hätte. An der grundsätzlichen Bedeutung solcher öffentlichen Freiräume für die Bewohner unserer hochverdichteten Räume ändert das nichts, weiß Thomas Fenner, geschäftsführender Partner der FSWLA-Landschaftsarchitekten und Professor im Lehrgebiet Freiraum und Landschaft an der Fachhochschule Düsseldorf: „Bei Umfragen zu den Bedürfnissen der Stadtbevölkerung landet der Wunsch nach mehr Grün immer unter den Top 3“, sagt er und betont: „Es besteht eine große Sehnsucht nach mehr Grünflächen, nach mehr Spielplätzen.“ Parks mit ihren Freizeitmöglichkeiten, die einen Ausgleich zu den Belastungen des Alltags bieten, sind also eindeutig ein Standortvorteil – und das überall auf der Welt. 


Die Vision eines Parks unter der Erde entwickelten die US-Amerikaner James Ramsey und Dan Barasch. Der weltweit erste Underground Park soll in einer ungenutzten U-Bahn-Station in New York entstehen. Noch ist das Projekt in der Entwicklung.
The Lowline / www.raadstudio.com (Simulation)

Die Stadt, die ihr grünes Gesicht pflegt, zieht sowohl Touristen als auch qualifizierte Fachkräfte an, die sich ihren Arbeitsplatz und den Wohnort für ihre Familien aussuchen können. Schillerndes Beispiel ist Singapur mit seinen Gardens by the Bay. „Mit den Gärten wollen wir unseren Ruf als grüne Stadt der Zukunft festigen“, sagte der damalige Minister für Landesentwicklung, Mah Bow Tan, vor einigen Jahren auf einer Baustellenbesichtigung zu TV-Journalisten. Der Stadtstaat in Südostasien möchte sich von der „Garden City“ zur „City in a Garden“ entwickeln. Die mittlerweile eröffneten Gardens by the Bay sind Teil dieser Strategie. Ab 2007 entstanden auf künstlich aufgeschüttetem Gelände drei Gärten direkt am Wasser. Seen, Skulpturen, Themengärten, zwei riesige Gewächshäuser und 18 unübersehbare Kunstbäume, die bis zu 50 Meter hoch in die Luft ragen, finden Platz in der 101 Hektar großen Parklandschaft. Tagsüber spenden diese sogenannten Supertrees den Besuchern Schatten, am Abend rauben sie ihnen mit einer spektakulären Light- und Soundshow den Atem. Dann glitzern, strahlen, funkeln die künstlichen Baumgiganten in allen Farben, und die schätzungsweise 163.000 Pflanzen, die allein dazu verwendet wurden, um die Supertree-Baumstämme aus Stahl und Beton zu begrünen, zeigen sich in einem besonderen Licht. Bromelien und Orchideen, Farne und andere Tropenpflanzen bilden den ganz eigenen vertikalen Garten. Kaum jemand, der nicht beeindruckt ist von diesem künstlichnatürlichen Fantasiewald, durch den teilweise ein Höhenpfad führt und der in seiner höchsten Baumkrone sogar ein Restaurant beherbergt.


Die Idee der Garden Bridge, einer parkähnlichen Fußgängerbrücke über die Themse, soll schon 2017 Wirklichkeit werden.
ddp images

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Minuten körperliche Aktivität im Grünen genügen pro Tag, um unsere Stimmung und unser Selbstwertgefühl zu verbessern, sagen Wissenschaftler von der University of Essex.

Visionen werden wahr

Weil der Wunsch nach mehr grünem Raum überall dort vorhanden ist, wo Asphalt die Erde versiegelt, aber nicht jede Stadt einfach Land aufschütten kann, um ihre knappen Grünflächen zu vergrößern, gehen die Planer immer kreativere Wege. Sie nutzen alle Ebenen, die ihnen zur Verfügung stehen. In New York strebten sie in die Höhe und eröffneten 2009 den ersten Abschnitt des High-Line-Parks, der sich auf einer ehemaligen Hochbahntrasse auf Stelzen durch Manhattan schlängelt. Und auch sein Gegenstück geht auf eine Idee aus New York zurück: Die Vision eines Parks in der Tiefe haben sich James Ramsey und Dan Barasch mit dem weltweit ersten Underground Park in einer ungenutzten Bahnstation in den Kopf gesetzt. Über Faseroptik soll Tageslicht unter die Erde geleitet werden, um die Bäume und das Gras unter der Erdoberfläche zum Wachsen zu bringen. Noch ist das Projekt in der Entwicklungsphase, genauso wie die Garden Bridge, die in London nach den Ideen des Architekten Thomas Heatherwick und der Schauspielerin Joanna Lumley schon im Jahr 2017 entstehen soll. Als begrünte, parkähnliche Fußgängerbrücke über die Themse wird sie die Stadtviertel South Bank und Temple verbinden.


Nicht übers Wasser, sondern über eine Autobahn werden in Zukunft die Hamburger gehen können. 2014 beginnen voraussichtlich die Arbeiten am ersten Abschnitt eines Großbauprojekts im Stadtteil Schnelsen. Dort werden die Fahrbahnen der A7 erweitert und bekommen einen Deckel. Insgesamt entstehen so drei Lärmschutztunnel, auf deren Dächern eine Bodenschicht aufgebracht wird, in der Samen, Wurzeln und Knollen eine Heimat finden. Neue Parkanlagen und Kleingärten werden auf dieser ersten Etage errichtet und sollen Quartiere zusammenwachsen lassen, die die Nord-Süd-Verbindung seit den 1970ern trennte. Die Bürger der Stadt konnten sich in öffentlichen Diskussionen an der Planung beteiligen, um die bestmögliche Lösung zu finden. In dieser Form wäre das, genauso wie sportliche Aktivitäten in einem öffentlichen Park, vor 100 Jahren nicht denkbar gewesen. Heute sind Beteiligungsprozesse so selbstverständlich wie Radfahren im Pariser Bois de Boulogne, Bowling im Londoner Finsbury Circus oder Rodeln im Prater von Wien.


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