Das 25hours Hotel Hamburg-Hafencity ist eine Hommage an die Seefahrt und das Leben im Hafen.
Stephan Lemke for 25hours Hotel

Das Gegenteil von langweilig

Gegen Lagerkoller, Lustlosigkeit und Lahmheit hilft eine ordentliche Portion Lifestyle. Kreative Anbieter überraschen mit neuen, trendigen Hotels. Den Gästen macht das offenbar großen Spaß.

Kann das wirklich ein Hotel sein? Der Blick wandert über Seekisten aus Holz, einen Seefrachtcontainer von Hapag Lloyd, robuste Stahlregale, lange Schiffsplanken, gelbe Bodenmarkierungen für Lagerplätze, einen Pegelstand vor dem Aufzug mit Drahtkorb als Kabine: Im 25hours Hotel Hamburg-Hafencity wird sie zelebriert, die raue Welt der Seefahrt, und das in überraschend wohnlicher Atmosphäre mit Restaurant und Bar, Rezeption, Kiosk, Lobby und Lounge. Seemännisch ausgestattet sind auch die Korridore, die in den Obergeschossen zu den 170 Zimmern führen. Die heißen hier Kojen und sind liebevoll mit Design-Elementen und Geschichten zu Seefahrt und Hafen dekoriert: Ein großer Überseekoffer dient als Schreib- und Arbeitsplatz, die reich illustrierte blau-weiße Seefahrertapete erzählt die Geschichten von 25 waschechten Seeleuten. Im Dachgeschoss verblüfft ein Seefrachtcontainer als finnische Sauna mit Blick über den Hamburger Hafen. Sein hochseetaugliches Pendant in der Lounge des Erdgeschosses ist ein ebenso kurioser wie stylisher Besprechungsraum.  Eine „Mischung aus Altem und Neuem, Lautem und Poetischem, Fernweh und Heimweh“ nennt Bruno Marti, Markenmanager der 25hours Hotel Company, das kontrastreiche Ambiente, das eine Hommage an die Seefahrt und das Leben im Hafen sein will. „Unser Erfolg basiert auf Individualität und Authentizität. Wir machen Hotels mit klarem Charakter und wohnlicher Atmosphäre“, ist Marti überzeugt. „Kennst du eins, kennst du keins“ lautet der Slogan – und jedes der mittlerweile sieben 25hours-Hotels ist tatsächlich ein Unikat, maßgeschneidert für den Standort: mal cool, mal bunt, mal nostalgisch, mal mondän. „Solche Konzepte passen zur allgemeinen Stimmung in der Gesellschaft: Erlaubt ist, was gefällt“, sagt Till Runte, Geschäftsführer von Certified, einem Anbieter für Hotelzertifizierungen.


Der Wunsch nach mehr Design, Erlebnis, Emotion und Spaß ist genau das, was Lifestyle-Hotels heute ausmacht.
Ursula Schelle-Müller, Motel One Group

Hauptsache unkonventionell und kommunikativ

Das alles resultiert aus einer Idee, deren Anfänge gut 30 Jahre zurückreichen. Bereits 1984 entwickelte der US-Amerikaner Ian Schrager sein Konzept der Boutique-Hotels. Es sollte die klassische Hotellerie revolutionieren. Der Vater der sogenannten Boutique- und heutigen Lifestyle-Hotellerie - ein schillernder Unternehmer, bekannt auch als Mitgründer des legendären New Yorker Nachtclubs Studio 54 - ersetzte 1984 im Hotel Morgans New York das herkömmliche Hotelinterieur durch unkonventionelle Möbel, ausgefallene Farben, besondere Lichtakzente und viel Kunst an den Wänden. DJs und Livemusik schafften eine Bar- und Lounge-Atmosphäre, die neben den Hotelgästen auch Besucher aus der Nachbarschaft anlocken sollte. Das Ziel: eine entspannte Kommunikation zwischen fremden und einheimischen Gästen. Was mit Ian Schrager begann, ist heute eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale von Lifestyle-Hotels: „Während die Hotelzimmer hochgradig private Orte sind, schaffen wir im Restaurant, in der Bar, in der Lounge oder Lobby möglichst viel Freiraum für Interaktion“, erklärt 25hours-Hotel-Experte Marti. Als erste Kette die langweiligen Lobbys aufzubrechen und in Orte der Kommunikation verwandelt zu haben, dieses Verdienst kann das US-Unternehmen Starwood Hotels für sich reklamieren. Die Gruppe, die zu den Kreativsten der Branche zählt, setzte die Idee erstmals 1998 im Luxussegment mit ihrer Marke W Hotels an New Yorks Lexington Avenue um. Die „DNA“ der W-Hotels ist seit 2005 auch in der preisgünstigeren Schwestermarke Aloft erlebbar, zunächst in den USA, später auch im Rest der Welt.



Kultige Hotspots fürs Hotelgäste und Nachbarn

Zum luxuriösen W-Lifestyle gehören eine überraschende, provozierend coole wie theatralisch inszenierte Umgebung, ein hippes Entertainmentprogramm und Gästezimmer in progressivem Design. Dazu verfügt jedes W Hotel über kultige Restaurant- und Barbereiche, die auch Menschen aus der Nachbarschaft anziehen. Das Herzstück ist der Living Room, die W Lounge. Hier trifft elegantes Design auf lokale Einflüsse. Im W London Leicester Square, inmitten des quirligen Theaterdistrikts der britischen Hauptstadt, dominiert ein radikales Styling, wo Discokugeln auf eleganten Tweed treffen und die Moderne sich rebellisch mit der Klassik vereint. Das Ambiente will die gespaltene Persönlichkeit der konventionell-innovativen Londoner perfekt widerspiegeln. Das Hotel ist berühmt dafür, dass hier Trendsetter und Stars logieren. Die Zimmerkategorien haben klangvolle Namen wie Wonderful, Spectacular und Fabulous. Das größte Zimmer mit 150 Quadratmetern und exklusivem Blick auf die funkelnde Silhouette des Londoner Westend nennt Starwood Hotels Extreme Wow Suite. So klingt hier der globale Lifestyle-Jargon. Und der hat seinen Extreme-Wow-Preis: 3.800 Euro kostet die Suite pro Nacht. 



Im Citizen M Amsterdam-Schiphol sorgt vor allem das Bad für eine Überraschung: WC, Waschtisch und Dusche stehen offen im Raum. Runde Glastüren schirmen die Regendusche ab und sind über Sensoren mit den Armaturen gekoppelt.
CitizenM

Doch keine Sorge: 2008 begann die niederländische Hotelmarke Citizen M damit, das auf Luxus fixierte Lifestyle-Konzept neu zu interpretieren und in Europa auf einem erschwinglicheren Preisniveau anzubieten. Nur 14 Quadratmeter misst ein Hotelzimmer im ersten Citizen M Amsterdam-Schiphol und überrascht sowohl durch die raffinierte Anordnung der Möbel als auch durch das Kingsize-Komfortbett mit feinster Edelbettwäsche. Das Besondere: Die Designerzimmer wurden kostengünstig vorgefertigt und sind wie Schuhkartons aufeinandergestapelt. Für Verblüffung sorgt vor allem das Bad: WC, Waschtisch und Dusche stehen offen im Raum. Runde Glastüren schirmen die Regendusche ab und sind über Sensoren mit den Armaturen gekoppelt. „Wir haben mit diesem Konzept den Nerv der Jungen und Junggebliebenen getroffen“, sagte Citizen-M-Pionier und CEO Michael Levie zur Eröffnung. Im hochwertig möblierten Erdgeschoss gehen die Aktivitäten der Gäste ganz nach dem bewährten Lifestyle-Prinzip nahtlos ineinander über. Damit entspricht auch das Citizen-M-Angebot dem luftig-leichten, kommunikativ-interaktiven Ambiente der W Hotels, nur eben preiswerter ab rund 100 Euro pro Nacht. Seit 2000 engagiert sich – zunächst ganz im Stillen – auch die deutsche Budget-Hotelkette Motel One im vielfältigen Lifestyle-Genre. Das Leben der mehrfach ausgezeichneten Budget-Design-Marke pulsiert in der kommunikativen One Lounge. Individuell gestaltet, überrascht sie jeweils mit einem regionalen Thema und dient den Gästen zugleich als Frühstückscafé, Bar und Lobby. „Wenn die Budget-Hotellerie die richtigen Akzente setzt, kommt am Ende ein Luxus vermittelndes Hotelprodukt heraus, das für jeden bezahlbar ist“, erklärt Ursula Schelle-Müller, bei der Motel One Group verantwortlich für Marketing und Design. „Im Unterschied zu hochpreisigen Lifestyle-Marken sprechen wir eine sehr vielschichtige Zielgruppe an, die Wert legt auf ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und ansprechendes Design“, ergänzt die Hotelexpertin. Im Motel One Wien-Staatsoper ist das auf besondere Weise gelungen.


Im zentralen 1. Wiener Bezirk, in direkter Nachbarschaft zur Staatsoper, checken die Gäste in einem historischen, vollständig sanierten Gründerzeitgebäude ein. In jedem der 400 Zimmer wird der Charme der K.-u.-k.-Monarchie modern zelebriert: mit Samtvorhängen, edler Tapete und einem bequemen Boxspringbett – und das für 69 Euro pro Übernachtung. Auch in der mit restauriertem Stuck üppig dekorierten One Lounge werden der klassische Wiener Stil und die nahe Staatsoper nobel inszeniert. Lampen haben die Form von Tutus, Egg Chairs von Arne Jacobsen sind in türkisfarbenen Samt gekleidet und Ledersessel von B&B Italia ergänzen das stylishe Ambiente. „Eine Besonderheit ist der handgefertigte Kronleuchter, der dann eben auch mal 30.000 Euro kostet“, berichtet Schelle-Müller nicht ohne Stolz. „Das sind Dinge, die in einem Budget-Hotel nicht üblich sind, aber die Wertigkeit und das Thema Staatsoper auf einmalige Weise weitertragen“, sagt die Motel-One-Managerin und ergänzt: „Ich glaube, der Wunsch nach mehr Design, Erlebnis, Emotion und Spaß ist genau das, was Lifestyle-Hotels heute ausmacht.“
Mit den weltweit angesagten Lifestyle-Attributen spielt auch die Hotelmarke Indigo. Die Individualität eines Boutique-Hotels wird hier mit den Vorzügen einer Hotelkette, der IHG Intercontinental Hotels Group, verbunden. Im Lifestyle-Konzept greift das Indigo Alexanderplatz in Berlin beispielsweise die nahe gelegenen Sehenswürdigkeiten der deutschen Hauptstadt auf und setzt diese gekonnt in Szene. Cooles Highlight ist der Blue Room im Look der Berliner Performancekünstler Blue Man Group. Die drei blau maskierten Schauspieler zelebrieren am Potsdamer Platz ein kultiges Aktionsvarieté. Das außergewöhnliche und separat buchbare Zimmer ist exklusiv mit Themen und Requisiten der Liveshow ausgestattet. 



Nach europäischem Vorbild bietet das Pentahotel Hongkong Kowloon ein großes Unterhaltungs- und Freizeitangebot. Modernste Kommunikationstechnik ist ebenfalls Standard.
Pentahotel Hongkong
Im luxuriösen Lifestyle-Hotel W London Leicester Square, inmitten des quirligen Theaterdistrikts der britischen Hauptstadt, dominiert ein unkonventionelles Styling. Hier soll sich die Moderne rebellisch mit der Klassik vereinen.
W London

Stylishe Angebote für Freizeit und Unterhaltung

Till Runte von Certified glaubt, dass der Lifestyle-Trend „noch eine Weile anhalten wird“. Vorsichtig gibt er jedoch zu bedenken: „Erfinden sich die Lifestyle-Hotels nicht zur passenden Zeit neu, ist das, was eventuell mal hip und chic war, plötzlich das krasse Gegenteil und zieht keine Gäste mehr an.“ Alastair Thomann, Geschäftsführer bei den internationalen Pentahotels, ist zuversichtlich: „Wir sind seit 2006 in der Lifestyle-Hotellerie zu Hause. Vor fünf Jahren haben wir einen Markttest in Asien durchgeführt und das erste Pentahotel in Schanghai eröffnet. Aufgrund der sehr positiven Resonanz folgten danach die Pentahotels Beijing und Hongkong Kowloon.“



In Bezug auf Look, Feel & Taste unterscheiden sich Pentahotels in Asien nicht von jenen in Europa. Einziger Unterschied zu den internationalen Standards ist die asiatische Küche. Nach europäischem Vorbild sind in Asien sämtliche Lounges mit vielfältigen Unterhaltungs- und Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet wie Billard, Tischfußball, Spielkonsolen, Brettspielen oder Flipperautomaten. Neben dem Freizeitangebot „Pentafun“ wird Gästen mit „Connect“ moderne Kommunikationstechnik geboten: Ladestationen für Mobiltelefone und Tablets, Free WiFi und kostenlos nutzbare Apple-Mac-Stationen gehören dazu. Alles eingekleidet in das „Home away from home“-Design zum Chillen und Wohlfühlen für Hotelgäste und Anwohner. 
In dem touristisch noch nicht erschlossenen Stadtteil San Po Kong ist das Pentahotel Hongkong damit ein angesagter Vorreiter. „Vor allem Businessreisende schätzen das Fitnessstudio, den Außenpool und die gute Erreichbarkeit des Zentrums“, sagt Thomann. Der Hotelexperte ist sicher: „Die Region wird sich in den kommenden Jahren stark entwickeln.“
Und solange auch der Lifestyle-Trend anhält, dürfen sich anspruchsvolle und unkonventionelle Weltenbummler weiterhin auf neue Hotspots freuen. In Hamburg beispielsweise will die 25hours Hotel Company im März 2016 ihr achtes Lifestyle-Hotel eröffnen – vier weitere Hotels in Zürich, München, Düsseldorf und Köln sollen 2017 und 2018 folgen. Langweilig wird es also nicht.


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