Wien besteht zur Hälfte aus Grünflächen. Ein Spitzenwert, den die Donaumetropole trotz Bevölkerungswachstum beibehalten will.
Christian Fuerthner/MA 18

Der Wiener Weg

Geschickt, gewandt, gewitzt – typisch 
smart eben – will sich die österreichische Hauptstadt den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen.

Wien hat sich ein Langzeitprogramm verordnet, das weitreichende Auswirkungen auf die Stadtentwicklung haben wird. Schon heute präsentiert sich die siebtgrößte Stadt der Europäischen Union selbstbewusst als „Smart City“. Ziel ist es, die beste Lebensqualität zu garantieren und Ressourcen durch umfassende Innovationen zu schonen. 
Seit 2011 läuft der von Bürgermeister Michael Häupl initiierte Prozess, der in die Smart-City-Wien-Rahmenstrategie mündete und vom Wiener Gemeinderat am 25. Juni 2014 beschlossen wurde. Mit der Dachstrategie bis zum Jahre 2050 „haben wir uns einer konsequenten und kontinuierlichen Modernisierung der Stadt verschrieben, um Energieverbrauch und Emissionen zu senken, ohne dabei auf Konsum oder Mobilität verzichten zu müssen oder den sozialen Zusammenhalt zu gefährden“, erklärt Maria Vassilakou, Vizebürgermeisterin von Wien. „Das Wiener Smart-City-Konzept hat einen erfreulich ganzheitlichen Ansatz“, bestätigt Karl Bier, CEO beim österreichischen Projektentwickler UBM Development. „Das damit nicht nur wie sonst üblich reine Umweltziele definiert, sondern auch sämtliche Lebenswelten der Stadtbewohner umfasst werden, begrüße ich ausdrücklich.“ Die rechtliche Umsetzung habe zwar „Soft-Law-Charakter“ und stellt damit zunächst eine weniger strenge Selbstbindung dar, aber die Rahmenstrategie werde mit der Zeit in immer mehr Rechtsvorschriften ihren Niederschlag finden. 


Wir haben uns einer konsequenten 
und kontinuierlichen Modernisierung der Stadt verschrieben.
Maria Vassilakou,
Vizebürgermeisterin und Stadträtin 
von Wien

Wien hat sich weitreichende Ziele gesetzt: Bis 2050 sollen die Kohlenstoffdioxid-Emissionen um 80 Prozent sinken und 50 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen kommen, bis 2030 soll sich der motorisierte Individualverkehr von derzeit 28 auf 15 Prozent reduzieren. Im Gebäudebestand soll der Energieverbrauch pro Kopf für Heizen, Kühlen und Warmwasser jedes Jahr um 1 Prozent fallen. Der Grünflächenanteil im Stadtgebiet soll auf dem hohen Niveau von 50 Prozent erhalten bleiben. Ausgebaut werden sollen die Informations- und Kommunikationstechnologien, die als zentrale Treiber der Innovation gesehen werden. Bis 2020 will Wien die fortschrittlichste europäische Stadt in allen Belangen des Open Government werden. 
Wie sollen die ehrgeizigen Ziele umgesetzt und wie finanziert werden? Und was sagen die Bürger zu einer smarten und damit auch digitalisierten Stadt? Die Herausforderungen sind enorm, und doch startet Wien aus der Poleposition: Zahlreiche Studien und Rankings attestieren Wien eine ausgezeichnete Stellung im globalen Wettbewerb. Der Stadtentwicklungsexperte Boyd Cohen veröffentlicht seit 2011 einen Smart-City-Index. Im ersten Ranking lag Wien auf Platz eins und damit vor Toronto, Paris und New York. 2012 erreichte Wien in einer differenzierteren Auswertung den vierten Platz in Europa hinter Kopenhagen, Stockholm und Amsterdam. Zahlreiche Auszeichnungen wie „Die Stadt mit höchster Lebensqualität“ (Mercer-Studie 2015) unterstreichen Wiens führende Rolle. Das Wachstum Wiens um derzeit etwa 25.000 Menschen jährlich und der angestrebte sinkende Ressourcenverbrauch sind für Vassilakou aktuell die größten Herausforderungen. 



Urbanes Wohnen: Studio Zwei wird Österreichs erstes Vertical Green Building mit 91 Wohnungen.
IC Projektentwicklung/Visualisierung: Office Le Nomade (Simulation)

Smart

bedeutet so viel wie intelligent, 
clever, schlau, klug, elegant, gerissen, pfiffig oder geschickt. Die Smart City ist eine Stadt, in der durch den Einsatz innovativer Technologien (vor allem Informations- und Kommunikationstechnologien) intelligente 
Lösungen für ganz unterschiedliche Bereiche der Stadtentwicklung 
(Infrastruktur, Gebäude, Mobilität, Dienstleistungen oder Sicherheit) 
erzielt werden.

Die Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung muss Lösungen für den steigenden Bedarf an Energie, an günstigem wie zweckmäßigem Wohnraum und an umweltfreundlichen Verkehrskonzepten auf den Weg bringen. Wien organisiert hierfür die Zusammenarbeit vieler Interessenträger aus Stadtverwaltung, Forschung, Wirtschaft und Bürgerschaft. Ein Beispiel sind die „BürgerInnen-Solarkraftwerke“. „Wir haben durch die Finanzierung von Bürgern und deren Investitionsgeist in nur vier Jahren 16 Solar- und zwei Windkraftwerke geschaffen“, berichtet Vassilakou stolz. Bei diesem Beteiligungsmodell errichtet Wien Energie, ein Unternehmen der Wiener Stadtwerke, einzelne Fotovoltaikmodule für private Investoren, die diese an Wien Energie vermieten. Wiener, die kein eigenes Haus besitzen und in der Stadt zur Miete wohnen – wie 80 Prozent der Wiener Bevölkerung –, haben so die Möglichkeit, am Ausbau der erneuerbaren Energien aktiv mitzuwirken. 
Um die Lebensqualität der Stadt zu erhalten und zu steigern, arbeitet die Stadtverwaltung auch kontinuierlich daran, den öffentlichen Raum attraktiver zu machen. Die Stadträtin nennt als Vorbild die Neugestaltung der größten Einkaufsstraße von Wien, der Mariahilfer Straße, mit zusätzlichem Platz zum Flanieren, neuen Brunnen, mehr Grün, weniger Lärm, besserer Luft. „Wer in der Stadt findet, was er braucht, der hat keine Einkaufsfahrten in irgendwelche Einkaufsparks an der Peripherie nötig. Das spart Geld, Emissionen und hält die Investitionen in der Stadt.“ Den größten Erfolg verzeichnet Wien bisher bei der Mobilität dank eines konsequenten Ausbaus der öffentlichen Verkehrsmittel und günstiger Ticketpreise. 



Viele Interessenträger arbeiten eng zusammen

Zu den herausragenden Projekten zählt die Seestadt Aspern im 22. Wiener Gemeindebezirk. Sie gehört zu den größten Stadtentwicklungsvorhaben Europas. Das Gebiet umfasst 240 Hektar – mit einem fünf Hektar großen See als Zentrum. In mehreren Etappen wird hier über die nächsten 20 Jahre eine neue Stadt des 21. Jahrhunderts entstehen. Vorgesehen sind großzügige Flächen für Büros, Produktions- und Dienstleistungsunternehmen, Wissenschaft, Forschung und Bildung, weiterhin Geschäfte, Lokale und Kleingewerbe sowie 10.500 hochwertige Wohneinheiten. Bereits 2014 wurden die ersten Wohnungen bezogen. Die Seestadt ist ein Ort, an dem intelligente Ideen, Konzepte und Technologien miteinander kombiniert und unter realen Bedingungen ausprobiert werden sollen. Wien wünscht sich daher auch von der Immobilienbranche Innovation und Kreativität. „Die Errichtung neuer Stadtteile unter den Maßgaben der Smart City – weniger Energieverbrauch, intelligente Mobilität, vernetztes Arbeiten – braucht neue Lösungen“, fordert Vassilakou und ergänzt: „Gleichzeitig erwarten wir, dass Wohnen bezahlbar bleibt.“ Immobilienexperten sind da keineswegs abgeneigt. 
Auch für Karl Bier von UBM hat das Thema Smart City höchste Priorität: „Nicht aus politischer Korrektheit, sondern aus wirtschaftlicher Überzeugung. Die Primärziele decken sich mit unseren Entwicklungslinien. Man ist als Immobilienentwickler gut beraten, die Grundsätze schon jetzt in die Projekte einfließen zu lassen.“ Reinhard Schertler, Vorstand bei der S+B Gruppe, bestätigt: „Als Immobilienprojektentwickler haben wir die Chance, bei jedem Projekt die Umgebung langfristig zu prägen."


Auch die Seestadt Aspern testet neue ökologische Wohnkonzepte.
imago

Das schafft eine persönliche Verantwortlichkeit für unser Tun und macht Themen wie Ressourcenverbrauch und Lebensqualität zu gleichbedeutenden Größen wie rein ökonomische Faktoren.“ Schertler nennt ein Beispiel: „Beim Projekt Greenworx in Wien ist es uns gelungen, den Altbestand so clever mit einer hochökologischen Neubebauung zu kombinieren, dass mit reduziertem Ressourcenverbrauch ein geniales Projekt umgesetzt werden konnte.“ Greenworx ist Österreichs erstes LEED-Platin-zertifiziertes Bürohaus und gehört seit 2013 zum Portfolio des Offenen Immobilienfonds UniImmo: Deutschland von Union Investment. Felix Zekely vom Immobiliendienstleister CBRE nennt auch Risiken der Smart-City-Strategie wie ein hohes Steuerniveau und ein hohes Maß an Regulierung. Dennoch ist der Leiter der Bürovermietung Wien überzeugt: „Die Chancen überwiegen deutlich.“ Vor- und Nachteile muss auch jeder einzelne Wiener abwägen. Vassilakou weiß von Konflikten, vor allem wenn Veränderungen den Lebensbereich der Bürger beeinflussen, wie flächendeckende Kurzparkzonen und gebührenpflichtiges Parken. Aber die Wiener honorierten auch, was sie dafür bekommen: „bezahlbare Wohnungen mit höchstem Standard und eines der besten öffentlichen Verkehrsnetze“. Dass die Stadt noch Überzeugungsarbeit leisten muss, zeigte in Wien eine Konferenz mit dem Titel „Digitale Wolken und urbane Räume – Stadt als Informationssystem“. Kritisch wurde hinterfragt, wie Urbanität zunehmend von digitalen Technologien geformt wird. Der US-Amerikaner Adam Greenfield, Verfasser einer Streitschrift gegen die Smart City, warnt: „Die Smart City ist eine technokratische Vision, in der die Bewohner überwacht werden.“ 


Walter Hammertinger, Geschäftsführer von IC Projektentwicklung, fordert daher: „Die tatsächlichen Bedürfnisse der Nutzer müssen im Mittelpunkt stehen.“ Der für das Wiener Stadtentwicklungsgebiet Viertel Zwei verantwortliche Immobilienentwickler nennt ein Beispiel: „Ich sehe besonders große Chancen in einem intelligenten Stellplatzmanagement zur besseren Auslastung von Garagen. Moderne Technologien können uns dabei unterstützen, Nutzungen zu optimieren.“ Auch Immobilienexperte Zekely bleibt gelassen: „Unser Gefühl ist zurzeit, dass sich die Smart City Wien auf dem richtigen Weg befindet.“ 
Und Kurt Rossmüller, Mitglied des Vorstandes der Immo Kapitalanlage AG, der österreichischen Immobilienfonds-Tochtergesellschaft der Union Investment Gruppe, denkt bereits über die Wiener Stadtgrenzen hinaus: „Ich würde mir wünschen, dass das Wiener Programm den gesamten Ballungsraum der Stadt umfasst.“ Nur so könne im Sinne der Gesamtbevölkerung das zukunftsgerichtete Konzept der Smart City in allen seinen Teilaspekten koordiniert und auch tatsächlich realisiert werden.


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