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Tagungsteilnehmer im Immersive Engineering Lab des Fraunhofer IAO, Stuttgart: Ein digitalisierter Planungs- und Bauprozess sowie die 3D-Visualisierung in Virtual Reality erlauben es, die Parameter von komplexen Gebäudestrukturen darzustellen, erleichtern das Planen in Varianten und ermöglichen sogar die (teil-)automatisierte Fertigung von Bauelementen.
buildingSMART e. V./Ludmilla Parsyak Photography

Die BIM-Mobilien kommen!

Digitalisierte Planungsprozesse machen das Planen, Bauen und Betreiben von Immobilien einfacher, transparenter und kostengünstiger. Für die meisten deutschen Akteure sind Methoden wie das Building Information Modeling (BIM) allerdings noch Neuland. Der Innovationsdruck nimmt jedoch spürbar zu. Neubauten ohne digitalen Prototyp wird es künftig kaum mehr geben.

Als „Wunder von Hamburg“ lobten Zeitungen die Anfang des Jahres feierlich eröffnete Elbphilharmonie. Dabei hielten es viele Bürger fast für ein Wunder, dass der Bau nach jahrelangen Verzögerungen und Baukostenüberschreitungen doch noch in Betrieb gehen konnte – und Hamburg nun eine Konzerthalle hat, die klanglich gut und architektonisch Weltklasse ist. Immobilienexperten dagegen wunderten sich über die Folge immer neuer Hiobsbotschaften im Laufe der Jahre gar nicht mehr. „Mit BIM“, so meinten viele, „wäre das alles nicht passiert.“


BIM steht für Building Information Modeling, eine neue, transparente und vernetzte Planungsmethode in 3D. Das Besondere: Gebäude entstehen durch Einbindung aller beteiligten Gewerke in mehreren Stufen zunächst als Computermodell, ehe sie dann in einem zweiten Schritt tatsächlich gebaut werden. Dieser digitale Prototyp enthält alle Informationen über das Gebäude, die Grundrisse, die Ausbauten, die verwendeten Materialen, die jeweiligen Bauschritte, die Zeitpläne, die Kosten sowie alle beteiligten Gewerke und Firmen. 


Radikaler Kulturwandel

„Bereits in einer frühen Phase werden alle Entwurfsvarianten durchgespielt, die an Kosten und Termine gekoppelt sind. Mögliche Risikoquellen können dadurch aufgespürt und Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Gewerken reduziert werden“, so Peter Liebsch, Leiter Digitale Werkzeuge bei der Drees & Sommer AG. „Build it twice“ sagen Insider dazu. Und sprechen gar vom Bauen in der „fünften Dimension“, weil neben dem dreidimensionalen Modell auch Zeit und Kosten – seit jeher die sensibelsten und konfliktträchtigen Aspekte beim Bauen – erstmals transparent und fortlaufend überprüft werden können. Probleme wie bei der Elbphilharmonie oder dem Flughafen Berlin-Brandenburg hätten mit BIM sicher größtenteils vermieden können. 


BIM

steht für Building Information Modeling, eine neue, transparente und vernetzte Planungsmethode in 3D Werden im Modell zusätzlich Zeit und Kosten berücksichtigt, sprechen Experten vom Bauen in der fünften Dimension.

Dabei ist BIM weit mehr als nur eine Software, die ein geplantes Gebäude im 3D-Format simuliert. BIM ist Projektmanagement mit neuen Mitteln – verbunden mit einem radikalen Kulturwandel, heißt es in der Branche. Dieser Kulturwandel betrifft längst nicht nur die Architektur-, Planungs- und Baubranche – er betrifft auch Besteller und Nutzer, denn auch sie sind gefordert. Schließlich müssen sie vor dem Baubeginn klipp und klar definieren, was sie von einem zu errichtenden Gebäude erwarten. Das ist neu. Denn die Wirkrichtung im Planungs- und Bauprozess ist nicht mehr wie bisher noch weit verbreitet „top down“, sondern „bottom up“. Was, stark vereinfacht, heißt: Bisher spricht der Architekt/Planer mit dem Auftraggeber/Investor, kreiert anschließend Vorschläge, der Investor nickt ab, und dann wird gebaut. Bei BIM-gesteuerten Prozessen überlässt man die Planung – etwa von Zweckbauten wie Krankenhäusern – dagegen nicht mehr nur den Spezialisten vom Bau. Teilweise sind auch die Nutzer gefragt. Um beim Beispiel des Krankenhauses zu bleiben: Beim Planungsbeginn bringen ebenso Ärzte, Krankenschwestern, Verwaltungsmitarbeiter ihre Informationen, Erfahrungen und Ideen für einen gut funktionierenden Klinikbau ein. Beispielsweise sollten die Räume, in  denen die Chirurgenbestecke sterilisiert werden, nicht allzu weit vom Operationssaal entfernt liegen.



Damit tatsächlich alles nach Plan läuft, kommt den Schnittstellen eine hohe Bedeutung zu, schließlich muss alles koordiniert werden, vor und auch während des Baus. Und hier sind noch allerhand Hürden zu nehmen. „Alle Projektbeteiligten, auch Architekten, Statiker, Haustechniker und alle Fachingenieure, müssen eine viel größere Disziplin als früher an den Tag legen und sind auch bei der Lösung technischer Probleme gefordert“, stellt Architekt Dirk Druschke fest. Der Geschäftsführer des Duisburger Architekturbüros Druschke und Grosser stellt seine Arbeitsprozesse gerade auf BIM um und lässt sein Team entsprechend schulen. Denn er ist sicher: BIM wird Standard werden. 


15 %

der deutschen Architekten arbeiten mit BIM.

Erfolge überzeugen

In den USA ist das schon so. Dort waren schon vor Jahren die Disney Concert Hall (Baujahr 2003) und das Denver Art Museum (2006) zwei Pilotprojekte zur Einführung von BIM. „Während die Ergebnisse anfangs noch weit hinter den Erwartungen lagen, konnten durch optimierte Prozesse im zweiten Projekt überzeugende Erfolge erzielt werden“, sagt Jan Reinhardt. Heute sei BIM Realität in Bauprojekten aller Art: Ob groß, klein, kompliziert oder einfach – auf die Vorteile der exakten Planung und effizienteren Bauausführung will in den USA heute niemand mehr verzichten, berichtet der Geschäftsführer von Adept Project Delivery, einem Beratungsunternehmen für BIM mit Sitz in Philadelphia.


In Europa steckt BIM dagegen – mit Ausnahme von Großbritannien – noch in den Kinderschuhen. Den Vorsprung insbesondere der angelsächsischen Staaten erklärt Drees & Sommer-Mann Liebsch mit historisch gewachsenen Strukturen und Mentalitätsunterschieden im Umgang mit Daten und offenen Datenaustauschplattformen. „In den USA und Australien zum Beispiel ist der Datenschutz nicht der wichtigste Aspekt im Umgang mit webbasierten Projektlösungen. In Österreich, Deutschland und der Schweiz werden offene Plattformen und Cloud-Lösungen dagegen eher kritisch gesehen“, sagt Liebsch. Da wundert es nicht, dass viele heimische Unternehmen vor dem digitalen Umbruch noch wie das Kaninchen vor der Schlange stehen.


Kostengünstiger Wohnungsbau ist ohne standardisierte und digitalisierte Prozesse nicht möglich.
Christoph Gröner, Vorstandsvorsitzender CG Gruppe

„Keiner hat Ahnung, aber alle machen BIM“, beschreibt der Diplom-Ingenieur und Architekt Wolfgang Zimmer vom Essener Architekturbüro Koschany + Zimmer Architekten (KZA) als Verfasser mehrerer BIM-Nachschlagewerke die Situation. Grundsätzlich seien alle davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, mit computergestützten Planungsmodellen zu arbeiten. Hinter dem „Wie“ stehe aber oftmals noch ein großes Fragezeichen. Nicht zuletzt wegen der Kosten. Hardware, Software und Schulungen schlagen pro Arbeitsplatz mit mehreren Tausend Euro zu Buche. Einarbeitung und Gewöhnung müssen ebenfalls eingeplant werden. „Auf Knopfdruck geht so etwas nicht. Mit sechs Monaten pro Arbeitsplatz muss man da schon rechnen“, sagt Zimmer. Im eigenen Unternehmen hätten sich inzwischen alle 40 planenden von insgesamt 60 Mitarbeitern auf eine 3D-Software umgestellt.



Wie weit sich BIM in der deutschen Bau- und Immobilienwirtschaft durchgesetzt hat, lässt sich derzeit nur schwer sagen. Zahlen gibt es dazu nicht. „Aus Umfragen wissen wir, dass derzeit rund 15 Prozent der deutschen Architekten mit BIM arbeiten, in unterschiedlicher Tiefe“, sagt Zimmer, der in der BIM-Expertengruppe der Bundesarchitektenkammer (BAK) mit Sitz in Berlin mitwirkt. Die Zahl derer, die jedes Gebäude als Unikat sehen, entwickeln und bauen wollen, nehme in der Branche aber spürbar ab. Die Berliner CG Gruppe, die derzeit deutschlandweit Wohnungsprojekte mit einem Volumen von 1,8 Milliarden Euro realisiert, will die digitale Wende im Laufe dieses Jahres gemeistert haben. „Kostengünstiger Wohnungsbau ist ohne standardisierte und digitalisierte Prozesse gar nicht möglich“, ist sich CG-Chef Christoph Gröner sicher.


Mieterwünsche simulieren und kalkulieren 


Die Union Investment Real Estate GmbH hat bei einem Büroneubau in Amsterdam – dem neuen Firmensitz der Kanzlei Stibbe – ebenfalls erste Erfahrungen mit BIM gemacht. „Wir haben den Baufortschritt bis zum kleinsten Bauteil tagesaktuell im 3D-Modell mitverfolgt“, sagt Bent Mühlena, Leiter der Abteilung Immobilienprojektmanagement. Die verschiedenen Fäden liefen bei diesem Projekt bei einem externen BIM-Manager – einem Generalunternehmer mit eigener Bauabteilung – zusammen. „Es ist uns aber bewusst, dass wir auch hausintern Kapazitäten dafür aufbauen müssen, vor allem in der IT und im Projektmanagement“, so Mühlena weiter. Schließlich wird jedes Gebäude einmal fertiggestellt, und dann müssten die Daten abteilungsübergreifend zur Verfügung stehen, um etwa ins Asset Management übergeben zu werden.


Für BIM müssen wir hausintern Kapazitäten aufbauen, vor allem in der IT und im Projektmanagement.
Bent Mühlena, Leiter der Abteilung Immobilienprojektmanagement bei der Union Investment Real Estate GmbH

Neue Ära gläserner Gebäude

Insbesondere in der Betriebsphase, bei Instandhaltungen, Reparaturen und Umbauten bieten BIM-basierte Immobilien gegenüber herkömmlichen Gebäuden viele Vorteile. Allein schon aufgrund der vielen verfügbaren Informationen. So werden Daten zu sämtlichen Bauteilen im System hinterlegt. „Attributisieren“ sagen die Experten dazu. Ist zum Beispiel ein Fenster defekt, kann der Property Manager mit seinem Smartphone den Strichcode am Rahmen scannen und erfährt sofort, wie alt das Fenster ist, aus welcher Baureihe es stammt, von welchem Hersteller es wann und zu welchem Preis geliefert wurde. Sogar wie viel CO2 für die Herstellung des Fensters verbraucht wurde, wird gespeichert. „Und dann kann ich per Knopfdruck die Bestellung für ein Ersatzfenster auslösen“, zeigt sich Mühlena vom „gläsernen Gebäude“ begeistert.


Jedes BIM-Modell sei aber nur so gut wie die Daten, die es enthält, hebt der Projektmanager hervor. Zudem müssten die Systeme, auf die alle Beteiligten zugreifen wollen, miteinander kompatibel sein. Ein Blick auf die etablierten BIM-Länder zeigt jedoch, dass die Plattformen unterschiedlich organisiert sein können. In den USA und Großbritannien haben sich dabei sogenannte Closed-BIM-Plattformen durchgesetzt, bei denen alle Projektbeteiligten auf einer Plattform mit der gleichen Software arbeiten.


In den meisten europäischen Ländern setzt man dagegen auf den Einsatz von Open-BIM-Plattformen. Die Wahl der Softwareprogramme steht dabei jedem der autorisierten Projektunternehmen frei. Doch das läuft nicht immer reibungslos, wie aus ersten Pilotprojekten bekannt ist. „Wenn viele verschiedene Dateiformate gewählt werden können, muss man sich beim Datenaustausch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Dadurch können während des Planungsprozesses Informationsverluste entstehen“, hat Drees & Sommer-Experte Liebsch erfahren. Die IT müsse daher harmonieren – für die beteiligten Projektpartner gelte das freilich auch. 


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