Illustration: Karsten Petrat

Aufbruch in die digitale Zukunft

Der digitale Wandel wird in der Immobilienwirtschaft neue Disziplinen etablieren und gleichzeitig alte Tätigkeitsfelder ersetzen. Fragt sich nur, welche Berufe für die Zukunft gerüstet sind.

Wie sieht die Immobilienwelt in zehn Jahren aus? Zunächst gilt es, das neue Mantra „Geld verdient man mit Service und Daten“ zu verinnerlichen, dann lassen sich etablierte Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten zukunftsträchtig anpassen oder neue kreieren. Die schon stärker digitalisierte Autoindustrie zeigt, wie’s geht. In der ist nicht mehr nur BMW Daimlers Konkurrent, sondern auch Uber. Denn nicht nur die Produkte, sondern auch deren Nutzung sichern den Lead; neben Technik- geht es vor allem um Datenführerschaft. Aber wie wird man zum Google des Real-Estate-Sektors? Neue Experten sind gefragt.


Enterprise Business Analyst (EBA)

Ist eine Vision fürs digitale Geschäftsmodell gefunden, leistet der Enterprise Business Analyst (EBA) die systematische Anpassungsarbeit. Als strukturierender Kopf dokumentiert er bestehende Geschäftsprozesse, zeigt auf, wo Veränderung nottut, und übernimmt die Umsetzung. Der in Strukturen denkende EBA ist gut darin, Ziele zu definieren, in handhabbare Teilschritte zu zergliedern und deren Erfüllung nachzuhalten. Er gleicht ab: Welche Abteilung erbringt heute welche Leistung und wer soll es künftig tun – Algorithmen, externe Dienstleister oder weiterhin Angestellte? Welche Wissenssilos gilt es einzureißen? „Die Überarbeitung des Geschäftsmodells schafft die Basis, um aus Plattformtools wie Data Mining, BIM und Blockchain ökonomisch nachhaltigen Nutzen zu ziehen. Fehlt die Neuausrichtung, stützen neue Techniken überholte Modelle, und es wird viel Geld für Experimente verbrannt“, gibt Invesco-Geschäftsführer Alexander Taft zu bedenken.


Chief Digital Officer (CDO)

Stehen die Eckpfeiler der Reorganisation, übernehmen CDOs das Steuern von Daten und Prozessen. Als Treiber des digitalen Wandels sorgen sie für den Aufbau einer funktionierenden Plattform-Infrastruktur, die das Businessmodell operationalisiert. Zudem verfeinern sie Angebote stetig und entwickeln sie marktkongruent weiter. CDOs sind technikaffin, verfügen über ein Grundverständnis für IT und scannen den Markt unermüdlich nach relevanten Trends und Techniken ab. Beherrschen sie agile Entwicklungsmethoden wie Scrum – umso besser. Das neue Geschäftsmodell vor Augen, identifizieren CDOs den Lernbedarf in den Strukturen, der Unternehmenskultur und der Mitarbeiter. Um Defizite zu beheben, entwickeln sie Strategien: wo branchenverwurzelte Mitarbeiter in IT und Sharing Culture und wo versierte IT-Experten in Real Estate geschult oder wo externe Dienstleister effizienter eingesetzt werden können.


Data Scientist (DS)

Nutzergenerierte Daten sind der Rohstoff von morgen. Viele Immobilienunternehmen hocken auf Informationsschätzen, verstehen sie aber ohne versierte Datenanalysten nicht zu heben. Abhilfe schafft der Data Scientist (DS), der den Big-Data-Fundus in smarte und strukturierte Informationen verwandelt. Er spürt Muster, Abhängigkeiten und Bedarfe auf, mit deren Hilfe bestehende Dienstleistungen perfektioniert oder neue geschaffen werden. Im Idealfall ist der DS ein hervorragende Statistiker und Optimierer, kann Programmiersprachen wie Python und besitzt darüber hinaus Zusatzqualifikationen in künstlicher Intelligenz, Geo-Analytics oder Blockchain – doch der Idealfall ist in der Praxis eher die Ausnahme. Qualifizierte Spezialisten sind bislang noch selten. Weshalb manche Unternehmen lieber bewährte Mitarbeiter, etwa Controller, weiterqualifizieren – was von Weitsicht zeugt, da dieser Beruf absehbar stark von Automatisierung betroffen sein wird.


Relationship Manager

Das Vermietungsmanagement ist auf dem besten Wege, von A bis Z ein voll automatisiertes Produkt zu werden. Wie bereits Bankgeschäfte, bekommt es ein User Interface – also eine leicht bedienbare Benutzermaske, die zur Eigenverwaltung befähigt. Wird ein Objekt angefragt, ermitteln Algorithmen, ob Bonität und Profil des Mieters passen. Stimmt alles und beide Parteien sind sich einig, erfolgt der Vertragsabschluss digital. Monatlich gleichen Algorithmen Zahlungen ab und mahnen, falls es nötig ist, Soll-Stellungen an. Was noch für den Property Manager zu tun bleibt? Er wird zum Troubleshooter für Aufgaben, die die Technik nicht zu lösen vermag. Darüber hinaus hält er als Relationship Manager Mieter bei Laune, während Roboter im Hintergrund die spröde Verwaltung erledigen. Durchsetzen werden sich automatisierende Plattformen allerdings nur dann, wenn sie sich intuitiv bedienen lassen – dafür sorgen Interface-Designer.


User-Interface-Designer

„Programmierer bauen die technische Welt, Interface-Designer das Produkt. Der erste denkt funktional, der zweite in Erlebnissen“, pointiert Udo Schloemer, Gründer und CEO des Berliner Unternehmens Factory Works. Er ist sich sicher: Mehr als die Technik entscheidet die Benutzerfreundlichkeit über den Erfolg digitaler Anwendungen. Die Beispiele: Airbnb fing als Benutzeroberfläche an, ohne Software dahinter. Und Wunderlist zählt inzwischen zu den begehrtesten Apps, weil sie chic und eingängig bedienbar ist. Genau dafür sorgen UI-Designer. Die meisten sind so kreative wie kundenorientierte Medien- oder Industriedesigner. Die Sehgewohnheiten von Menschen kennen sie genauso gut wie die Regeln guter Gestaltung – und wenn sie einmal etwas nicht wissen, finden sie es in kurzer Zeit über Anwendertests wie A/B-Testing heraus. Kurzum: Durchdachte Bedienoberflächen sind ein noch häufig unterschätzter Erfolgsfaktor. Das gilt für Hausverwaltung- und Immobiliendepot-Apps ebenso wie für Pay-per-Use und On-Demand-Vermietungsportale.


Daten- und Sicherheitsschützer

Richtlinien des Datenschutzes kennt er wie seine Westentasche. Und er ist verantwortlich dafür, dass sie, wie in der EU-Datenschutz-Grundverordnung definiert, im Unternehmen auch eingehalten werden (siehe Infografik). Zugleich sind Datenschützer darauf bedacht, dass kein Unbefugter ins firmeninterne Datenreich eindringt. Um die Wehrhaftigkeit von Datenschutzmauern zu garantieren, beauftragt der Daten- und Sicherheitsschützer oder auch Cyber-Security-Experte IT-Sicherheitsprofis, die Penetrationstests durchführen. Offenbaren sich Schwachstellen, sorgt er für ihre Behebung. Und weil unbedachte Mitarbeiterhandlungen das größte Sicherheitsrisiko darstellen, sensibilisieren Datenschützer durch Schulungen zu Cyberkriminalität.


Drucken

Mehr zu diesen Themen: