Jens Wilhelm ist Mitglied des Vorstands der Union Asset Management Holding AG. Als Chief Investment Officer verantwortet er das Portfoliomanagement, das Immobilienfondsgeschäft sowie das Segment IT-Infrastruktur.
Union Investment

Transformationsfähigkeit gefragt

Jens Wilhelm über Transformationskultur in der Immobilienwirtschaft

Die Zeichen für die Konjunkturentwicklung standen schon lang nicht mehr so gut wie in diesem Jahr: Nach dem aktuellen „RICS Commercial Property Monitor” befindet sich die Euro-Zone in einer ihrer besten Phasen seit der Finanzkrise, was nicht zuletzt die Immobilienmärkte beflügelt. Wie die RICS-Experten feststellen, ist die Stimmung auf den Immobilienmärkten des Euro-Raums größtenteils positiv; der Occupier Sentiment Index weist in 28 von 34 Ländern ein positives Ergebnis aus. Insbesondere der Immobilienstandort Deutschland – Thema der Titelstory der aktuellen Ausgabe von RAUM & mehr – bekommt aufgrund seiner stabilen sozioökonomischen Rahmendaten gute Noten und zählt weltweit zu den gefragtesten Investitionszielen.


Das sind grundsätzlich gute Nachrichten. Doch auch wenn sich die Ausgangslage für die Immobilienbranche im Vergleich zu den Vorjahren etwas verbessert hat: Die Hürden, das von Anlegern anvertraute Kapital in Liegenschaften sicher und zu nachhaltig auskömmlichen Renditen zu investieren, liegen auch 2018 sehr hoch. Schließlich bewegt sich die EZB nach wie vor im Krisenmodus und hat im Januar die Leitzinsen unverändert gelassen – und darüber hinaus bekräftigt, dass die Phase der Niedrigzinsen noch längere Zeit andauern wird. Somit dürfte der Kapitalstrom auf die Immobilienmärkte mangels Anlagealternativen wie in den vergangenen Jahren anhalten, auch an Standorten, an denen der Zyklus sehr weit fortgeschritten ist oder seinen Zenit bereits überschritten hat. Zeit dafür, „Entwarnung“ zu geben, ist also noch lange nicht.


Ohnehin steht zu überlegen, ob selbst bei einer weiteren „Normalisierung der Finanzmärkte“ jemals eine Rückkehr zu dem aus den vergangenen Dekaden bekannten Business as usual auf den Immobilienmärkten möglich sein wird. Denn den „Immobilienzyklus beherrschen“, neben dem berühmten „Lage, Lage, Lage“ einst wichtigstes Credo erfolgreicher Immobilienmanager, reicht schon lange nicht mehr aus, um erfolgreich an den internationalen Immobilienmärkten zu agieren. Proaktives Risikomanagement, das in der Branche in den vergangenen Jahren erfreulicherweise deutlich an Gewicht gewonnen hat, bleibt bis auf Weiteres Pflicht. Schon weil Trendwechsel und Veränderungen in Wirtschaft, Technologie und Gesellschaft in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts immer schneller erfolgen. Diese bringen, wie etwa die Digitalisierung, Entwicklung von künstlicher Intelligenz oder auch neue Umweltschutzziele und -vorgaben, erhebliche Änderungen in der Nachfrage mit sich, sei es hinsichtlich der Immobilienstandorte, -segmente oder der Gestaltung und Qualität der Liegenschaften, wie aus den nachfolgenden Beiträgen hervorgeht, die ich Ihnen gerne zur Lektüre empfehlen möchte.


Neben den genannten „alten Tugenden“ bei der treuhänderischen Verwaltung von Anlegergeldern – und dies längst nicht nur in der Asset-Klasse Immobilien – ist bei Führungskräften und Mitarbeitern heute vor allem eine Fähigkeit gefragt: Es ist die Gabe, Transformationsprozesse frühzeitig zu erkennen und ihre Relevanz für das eigene Tätigkeitsfeld einzuschätzen, diese mitgehen und vor allem mitgestalten zu können, sprich ihre Chancen nutzen zu können. Ein Beispiel: Bei allen großen Asset-Managern gewinnt IT-Kompetenz prinzipiell an Bedeutung. Doch noch wichtiger als IT-Fachwissen erscheint die geistige Offenheit, sich auf neue Lösungen einlassen und neue Lösungen frühzeitig nutzen zu können. Wir sprechen hier also eher über eine Frage der Mentalität, die Frage, ob und wie Innovationen in Teams angestoßen, befördert, begründet werden – und somit letztendlich über die Frage einer Transformationskultur.


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