Sterneköche, täglich wechselnde Speisekarte, elegantes Ambiente: Das Unternehmen Dropbox zeigt sich längst nicht nur in Sachen virtueller Lagerplatz kompetent und innovativ. Auch mit ihrem Unternehmensrestaurant setzen die Kalifornier neue Maßstäbe. Der Dropbox Tuck Shop hilft, die Kommunikation und Zusammenarbeit der Mitarbeiter zu fördern.
AVROKO

Treffpunkt Kantine

Schrill, stylish, gemütlich und bunt: Im Zeitalter der Hochgeschwindigkeitsökonomie übernehmen Betriebskantinen eine neue Funktion. Sie fördern den Austausch, geben Geborgenheit, unterhalten und inspirieren. Dadurch bahnen sie neue Verhältnisse an: Aus Kollegen werden Familienmitglieder.

Peter Braun ist Geschäftsmann, der Koffer sein ständiger Begleiter. Heute Chicago, morgen Dubai, Tokio oder Hanoi. Firmenkantinen sehe er normalerweise nicht so oft, sagt der Vertriebsmann für Medizintechnik-Software, meist gehe er in „richtige Restaurants“. Dennoch könne er einen Wandel feststellen. Die Geschäftspartnerinnen und -partner lüden ihn häufiger in ihre Betriebsrestaurants ein als früher. Eines sei ihm in besonderer Erinnerung geblieben. Das einer mittelständischen Firma in Oslo. Für die rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte das norwegische Medizintechnikunternehmen eine für seinen Geschmack zu groß geratene Essküche nach altem Stil gebaut. „Viel Holz, viel Plüsch, Retrostyle. Richtig gemütlich. Ich hab mich da überhaupt nicht wie in einer Firmenkantine gefühlt, sondern eher wie bei meiner eigenen Oma auf dem Sofa“, so Braun.


Ein Trend, der nicht nur in Skandinavien zu beobachten ist. Auch anderswo gehen Unternehmen in Bezug auf Kantinen neue Wege. Weil die Mitarbeiter es so wünschen. Und die an den wissensbasierten Arbeitsmärkten gewissermaßen am langen Hebel sitzen. Wo kein angesagtes Design und kein gesunder Speiseplan locken, fängt man gar nicht erst an. Lifestyle ist alles – auch in der Mittagspause. Dem Osloer Start-up hat die coole Kantine trotzdem nichts genützt, es ging pleite. Aus unternehmerischen Gründen, wie der Geschäftsreisende Braun meint. Seine norwegische Berufscommunity hält einen anderen Grund für wahrscheinlich: Die Mitarbeiter hätten über ihre schöne Kantine schlichtweg das Arbeiten vergessen.


Auf jeder guten Party spielt die Küche die Hauptrolle. So muss man auch Firmen organisieren. Wir bauen unsere Büros um die Küche herum.
Akshay Kothari, CEO Linkedin India

Eventisierung macht aus Kantinen Erlebnis-Areas

An solche Horrorszenarien möchten die wenigsten Unternehmen denken. Viele nehmen gerade viel Geld in die Hand, um aus ebenso funktionalen wie ungemütlichen Essensausgabestellen trendige Kommunikationszonen zu machen. Die Eventisierung der Kantine ist also in vollem Gang. Weltweit. Und so werden aus den schmucklosen Speisesälen vergangener Tage je nach Branche Wohn- oder Spielzimmer, Erlebnisräume, Chill-out-Areas, Meetingpoints. Oder eine kunterbunte Mischung aus alldem. Die Ziele: die Belegschaften motivieren, die Kommunikation fördern und dadurch den Unternehmenserfolg sichern oder am besten natürlich steigern. Vor allem US-Firmen haben das früh erkannt, ihre Kantinen an den Lifestyle der Mitarbeiter oder die Corporate Identity des Unternehmens angepasst und Fast Food oder langweilige Sandwiches durch gesunde Ernährungsangebote ersetzt. Im Internet kursieren jede Menge Hitlisten, in denen Mitarbeiter, Blogger oder Onlinemagazine die „coolsten Firmencafeterias“ küren. Freibier, hausgemachte Joghurts und Eiscremes, veganes Buffet, gemietete Spitzenköche, Smoothie-Bars, Lunch-Beat: In den weltbesten Firmenkantinen wird geschlemmt, gechillt, gespielt, gekickert, getanzt und vor allem eins: produktiv gearbeitet.


Firmen, die eigene Drinks kreieren

Die Kantinen im Silicon Valley werden von ihren Fangemeinden besonders heiß geliebt. So zum Beispiel die verschiedenen Campus-Cafeterias am Apple-Hauptsitz in Cupertino. Nicht nur, weil die Ausstattung hip ist, sondern weil die Speisekarte etliche nationale Traditionen aufgreift. Vom scharf angebratenen Seebarsch bis zum Bisoncurry oder Tacos auf Koreanisch – die Mahlzeiten spiegeln die kulturelle Vielfalt der Belegschaft wider. Heimat, die man essen kann. Oder doch eher Heimweh? Egal. Der Zeitgeist stimmt, der Daumen zeigt nach oben.


Für die Verwendung natürlicher und nachhaltiger Zutaten ernten dagegen die Facebook-Kantinen jede Menge Likes. Auf die Salate singen die Gäste Lobeshymnen – die kantineneigene Facebook-Seite bestätigt den Zuspruch allerdings nicht. Der letzte Eintrag stammt von 2016 und mit nur 211 Gefällt-mir-Kommentaren scheint das Kantinenerlebnis bei Harvest at Facebook am Ende doch nicht so überzeugend gewesen zu sein. Oder ob das an den Küchenhilfen und Kellnern im Bananenkostüm lag?


Doch der Trend ist eindeutig: Gesundheit ist King. Dick- und Krankmacher wie Coca Cola, Red Bull, Chips, verpackte Müsliriegel samt der dafür notwendigen Verkaufsautomaten hat auch Airbnb aus seinen Büros verbannt. Die Übernachtungsplattform hat ein firmeneigenes Catering etabliert, das von allen diesen Fast-Food-Gerichten eine eigene, gesunde Version zaubert. In „Redbnb“ etwa sind Zutaten wie Hibiskus, Limone, Minze, Ingwer enthalten. Dazu grüner Tee und Yerba Mate für den Hallo-wach-Effekt und Rohrzucker für die Süße. Weniger Kilos auf der Waage und eine höhere Produktivität – das nützt der Belegschaft und den Chefs.


Ebenso wie die radikal geringe Kalorienzahl, die der File-Hosting-Anbieter Dropbox zur Maßgabe des firmeneigenen Caterings erhoben hat. Jede Mahlzeit hat nur 625 Kalorien – oder weniger! Der Bauch bleibt halb leer, dafür isst das Auge kräftig mit. Das Dropbox-Kantinendesign stammt aus der Lifestyle-Schmiede von Avroko, eines der innovativsten New Yorker Designbüros an der Schnittstelle zwischen Architektur, Möbel und Grafikdesign. Ein Traum von einem Pausenraum, der ein Nachbarschaftsfeeling innerhalb der Firma inszeniert. Individuell entworfene Möbel, wertige Materialien wie Holz, Leder, patinierter Stahl sowie eine stimmungsvolle Lichtregie schaffen ein kommunikationsfreundliches Umfeld, das zum Essen und Arbeiten einlädt. Und wer sich das Essen in dieser viel zu schönen Umgebung ganz verkneift, findet Trost im Netz: Auf der über 4.000-mal gelikten Facebook-Seite der Cafeteria Dropbox Tuck Shop stellt der Küchenchef Fotos seiner kulinarischen Schöpfungen ein.


Trendsetter in Sachen Esskultur

Die Treiber der Kantinenrevolution sind nicht zufällig in der Start-up-Szene des Silicon Valley zu finden. Eigene Küchenchefs einzustellen oder in regelmäßigen Abständen Spitzenköche einzuladen, die in eigens dafür vorgesehenen „Eventküchen“ für kollektive Gaumenexplosionen sorgen, das gehört in Palo Alto zum guten Ton. Unterhaltsam und aufschlussreich sind die Erfahrungen, die der frühere „Welt“-Journalist und heutige Digitalisierungsberater Christoph Keese dort gemacht hat. Sechs Monate waren er und seine Familie 2013 im mächtigsten Tal der Welt zu Gast, um im Auftrag des Springer-Konzerns nach Erfolgsmustern und Motoren der boomenden Internetwirtschaft zu suchen. Wichtigster Raum in den Unternehmen: die Küche. So etwa beim Unternehmen Pulse, inzwischen an Linkedin verkauft, das journalistische Artikel aus vielen Quellen in einer App zusammenfasst.


Das ganze Büro in einem Loft ist wie ein Restaurant angeordnet. Die Mitarbeiter sitzen an langen Tischen wie in einer Wohngemeinschaft, schreibt Keese. Überall stehen Schüsseln mit Obst, Nüssen, Müsliriegeln. Pulse-Gründer Akshay Kothari erläuterte dem deutschen Journalisten das System: „Auf jeder guten Party spielt die Küche die Hauptrolle. So muss man auch Firmen organisieren. Wir bauen unsere Büros um die Küche herum, und die meisten Unternehmen, die ich kenne, tun das auch.“ In der Küche ergäben sich die zwanglosesten Gespräche, die Grenzen zwischen Abteilungen und Fachgebieten ließen sich am einfachsten überwinden, so der heutige Linkedin-Indien-Chef Kothari.


Somit ist das mächtigste Tal der Welt auch in der Esskultur Trendsetter. Und viele Firmen weltweit eifern diesen Beispielen nach. Auf mehr oder minder radikale Art und Weise. Die einen ändern nur ein wenig die Farbe, die anderen ihre gesamte Unternehmens-, Ess- und Arbeitskultur. Und eine dritte Gruppe muss sich das alles gar nicht erst ausdenken, da liegen angesagtes Design und gesunde Ernährung quasi in den Genen. Beispielsweise bei jungen Lifestyle-Firmen und Start-ups. In diese Kategorie fällt der Smoothie-Anbieter Innocent in London, der Kunden und potenzielle Kollegen schon auf der Website mit durchs gesamte Unternehmen nimmt, auch durch die Kantine.


Inzwischen rüsten auch Deutschlands Firmen auf. „Wir sehen bei unseren Projekten ganz eindeutig, dass sich der ‚Kampf um die Talente‘ in der Kantine fortsetzt“, weiß etwa der Hamburger Architekt Harro Grimmer. Kantinen würden für die Mitarbeiter größerer Unternehmen oder hochwertiger Hotels immer häufiger im High-End-Design gestaltet. Mit klarem Signal nach innen: Der Mitarbeiter soll nicht schlechter behandelt werden als der Kunde. Auch der Megatrend zu ausgewogener Ernährung schlage sich in den Kantinen mehr und mehr nieder: Ohne separate Bereiche für kleine, gesunde Gerichte gehe es heute nicht mehr, so der Geschäftsführer von MPP Meding Plan + Projekt. In Hamburg hat etwa Philips jüngst seine Betriebskantine in ein hell designtes Restaurant mit Grillstation, Pizzaofen, Wok und großer Salatbar verwandelt. Die Kosten: 2,7 Millionen Euro. Auch in der Otto-Zentrale in Hamburg-Bramfeld gibt es seit einigen Monaten ein neues Bistro im „Boulevard“, der neu eingerichteten Zone für das Arbeiten im Freien und für Ruhepausen. Für den Entwickler Strabag Real Estate (SRE) erfüllen Mitarbeiterrestaurants neben kommunikativen auch wichtige städtebauliche Aufgaben. „In der Messecity Köln zum Beispiel bauen wir neben nicht öffentlichen Betriebskantinen eine ganze Reihe öffentlicher Gastronomie-Angebote. Sie sind wichtige ergänzende Nutzungen, damit keine ‚Geisterviertel‘ nach Büroschluss entstehen“, sagt SRE-Geschäftsführer Rainer M. Schäfer.


Heimelig fühlen in einer globalisierten Welt

Die Aufwertung der Firmenumgebung hat neben der wirtschaftlichen auch eine soziale Komponente. Wenn Laptop und Handy die Privatwohnung zum Arbeitsplatz machen, muss das Büro wohnlich – cosy – sein. Und vom Setting her in die Marken- und Wertewelt der Mitarbeiter passen. Es ist nicht das Gleiche, ob eine Kantine mal eben pinselsaniert wird oder, wie im Silicon Valley, Ausdruck einer völlig neuen Kultur ist, in der Arbeiten und Freizeit eins werden. Mit dem Ergebnis, dass lauter hybride Raum- und Gebäudeformen entstehen.


Dazu gehört auch, dass Veränderungsprozesse nach dem Botton-up-Prinzip umgesetzt werden, also von den Mitarbeitern. Warum auch sollten sie das „Herz“ ihres Unternehmens, die kommunikative und produktive Schaltzentrale, nicht selbst entwickeln? Genau das hat Drees & Sommer in Berlin gerade gemacht. Die Anmietung zusätzlicher Büroflächen führte die Mitarbeiter des Projektsteuerers zu einem neuen Arbeitskonzept. Herzstück ist eine Art Piazza, die alle Bürobereiche miteinander verbindet. Statt der typischen Vierer- und Sechsertische hat das Team einen langen, sogenannten Mamma-Mirácoli-Tisch mitten in der Piazza aufgestellt.


„Wir haben den Tisch selbst entworfen und dann für uns produziert, ebenso die Stühle, die unterschiedlich sind und dadurch Lebendigkeit und ein ‚Homie-Gefühl‘ vermitteln“, berichtet Drees & Sommer-Projektleiter Nicolai Helms. Und noch etwas Besonderes ist aus den Bedürfnissen des Teams entstanden: Gemäß dem Motto, dass es nichts Wertvolleres als unsere Zeit und Selbstgemachtes gibt, hat eine Mitarbeiterin Kissen für die Piazza entworfen und genäht. „Arbeitgeber-Image und Arbeitgebermarke bekommen immer mehr Bedeutung. Wir haben durch die Gestaltung der Piazza, die individuellen Möbel und Kissen das Zugehörigkeitsgefühl angereichert und zeigen so, dass wir stolz auf das Unternehmen sind“, erklärt Helms. Und noch etwas gehört bei Drees & Sommer in Berlin zum Homie-Gefühl dazu: Küchenfliesen, die aussehen wie bei Omi.


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