So soll die vom japanischen Architekten Kazuhiro Kojima geplante Ho Chi Minh City University of Architecture einmal aussehen.
dpa Picture-Alliance / Kazuhiro Kojima

Visionen zum Anfassen

Jedes größere Bauprojekt entsteht zunächst im Kleinen. Genauso wie das fertige architektonische Werk ist auch sein Modell die Summe vieler Einzelteile und Arbeitsschritte. Ein Werkstattbesuch bei WUP Modellbau in Hamburg.

Ein zarter Sägemehlfilm überzieht die Zeichnung, mit der Hans Wiens überprüft, ob sein Modell genau auf den vorgegebenen Grundriss passt. Vorsichtig setzt er seine fast fertigen Holzhäu­ser auf das Papier des Architekten, rückt ein Element minimal nach links, neigt den Kopf, lässt die Augen kurz von einer Ecke zur anderen wandern. Alles korrekt. Wie erwartet. Seine jahrzehntelange Erfahrung und seine sichere, ruhige Hand leiten den Modellbaumeister auch durch dieses Projekt, einen Verwaltungsbau für einen Architekturwettbewerb im Maßstab 1:200. Beim Bearbeiten der Fassade war ihm aufgefallen, dass der Architekt die Glaselemente recht eng angelegt hatte. Wiens fügte mit der Fräse in Strichform den gewünschten schmalen und dazu einen breiteren Abstand ein, machte ein Foto und schlug dem Architekten beide Varianten vor. Der akzeptierte Wiens’ Idee, der Abstand wurde vergrößert. Wie bei diesen durch Linien im Holz angedeuteten Glaselementen wird im Architekturmodellbau viel abstrahiert. Es geht um die Darstellung der Grundidee. „Gerade in diesem Fall der ersten Wettbewerbsphase kommt es auf das Gesamtkonzept an, nicht auf Details“, erklärt Wiens.


Der studierte Architekt und seine Kollegen im Hamburger Büro von WUP Modellbau Wiens und Partner kümmern sich nicht nur um die präzise dreidimensionale Umsetzung von Entwürfen in verkleinerter Form. Sie übernehmen auch eine Beratungsfunktion. Bei jedem Projekt arbei­ten sie eng mit ihrem Auftraggeber zusammen, überlegen vorab, mit welchem Material und in welchem Maßstab sich das beste Ergebnis erzielen lässt. Soll nur das Wesentliche herausgearbeitet werden – wie bei den Wettbewerbsbeiträgen – oder ist eine naturalistische Darstel­lung gewünscht, die jedes Detail schon in der richtigen Farbe zeigt? Modelle haben unterschiedliche Funktionen zu erfüllen, abhängig davon, wer die Betrachter sein werden. Während den Architekten zu Be­ginn oft noch ein selbst gebautes Massenmodell als Arbeitsinstrument genügt, benötigen sie zu Präsentationszwecken, sei es für Bauherren, Wettbewerbe oder die Öffentlichkeit, ein professionelles Modell, das ihre Ideen auch Laien leicht zugänglich macht. Das Miniaturgebäude dient aber gleichzeitig zur Kontrolle der Ursprungsidee. Denn nicht selten stoßen die Modellbauer erst bei der räumlichen Realisierung auf kleine Planungsfehler.


Konzentriert sitzt Hans Wiens an seinem Tisch in der Holzwerkstatt. Mit einer Pinzette klebt er eine winzige Treppe im Gebäude an und spannt sie in einer Zwinge ein. Um ihn herum liegt alles griffbereit, was er bei seiner täglichen Arbeit braucht. Schleifpapier, Bleistift, dop­pelseitiges Klebeband, Bohrmaschine, Taschenrechner, Holzleim, Geodreieck, Handfeger und – unverzichtbar – der Cutter, das wichtigste Werkzeug jedes Modellbauers. Der Raum ist angefüllt mit Arbeitsgeräten und Maschinen von der Formatkreissäge bis zur Tellerschleifmaschine. In der Luft liegt der Geruch von frisch geschnittenem Holz. An der Wand hängen, liebevoll aufgereiht, eine Menge runder Sägeblätter. Schöner hätte Robbie Williams seine Goldenen Schallplatten auch nicht arrangieren können. „Wir setzen sie unterschiedlich ein“, sagt Wiens. „Es kommt darauf an, ob wir das Holz längs oder quer schneiden wollen.“ Auch das Material ist entscheidend für die Wahl des Sägeblatts. Über dem mit kurzen, gleichmäßigen Zacken steht in roten Großbuchstaben: „nur Plexi!“. Nicht allein die unglaubliche Fülle an Werkzeugen und Maschinen in dieser Werkstatt beeindruckt, es gesellen sich auch noch unzählige Materialien dazu. Die Männer verwenden neben Ahorn, Linde, Elsbeere und anderen Hölzern, die als lange Bohlen auf ihren Einsatz warten, auch Kunststoffe wie Polystyrol oder Polyurethan und Metalle wie Messing, Kupfer oder Aluminium. Wiens verwendet gern Holz, auch wenn dies mehr Mühe macht: In Holz kann er zwar nicht so fein arbeiten wie mit den Kunststoffen, da es vorkommt, dass Stücke ausbrechen. Dafür kann er die Maserung sehen – und sie bleibt auch im fertigen Modell sichtbar, während alle Kunststoffe noch einmal überlackiert werden.


Schafgarbe

und Islandmoos, Erbsen, Knospen oder Zweige, Tannennadeln und -zapfen, Perlen aus Holz oder Plastik, Kupferkabel in Gips getaucht oder mit Sägemehl bestreut, – die Material vielfalt im Modellbau scheint grenzenlos.

Modellbau im digitalen Zeitalter

Im Nachbarraum bedient sein Geschäftspartner Nils Borgmann die neue mannshohe CNC­-Fräse. Direkt am Bildschirm der Fräse oder an seinem PC im Büro stellt er ein, mit welchem Werkzeug die Maschine arbei­ten und wie schnell sie fahren soll. Die CAD­-Daten für das zu fräsende Objekt hat er zuvor aus dem Architekturbüro bekommen und sie für die Weiterverarbeitung auf seiner Maschine aufbereitet. Der Kontrast könnte größer kaum sein zwischen den klobigen, lauten Maschinen und dem filigranen, stillen Endergebnis, das nach seiner Entstehung direkt zum Fotomodell avanciert. Vom eintreffen der digitalen Daten bis zum fertigen Modell benötigt ein Auftrag – je nach Anforderungen und Größe – zwischen drei Tagen und drei Monaten. Aus vielen Einzelteilen fertigen die Handwerker in dieser Zeit eine Art Bausatz, aus dem das Gebäude und das Grundstücksmodell zusammengesetzt und schlussendlich mit Hecken, Bänken und Bäumen zum fertigen Modell montiert werden. Die Kosten dafür bewegen sich zwischen einigen Hundert und einigen Zehntausend Euro. „Kaffee ist fertig!“, ruft Partner Helmut Lange in alle Räume und läutet damit eine gemeinsame Pause ein. Es duftet nach einem sehr starken Gebräu, zu dem sich die vier Geschäftsführer und zwei Fest­angestellte von WUP Modellbau um den großen Tisch in ihrem Büro versammeln. 


Der 64­jährige Hans Wiens gründete 1979, nach Architekturstudium und erfolgreicher Meisterprüfung zum Modellbauer, mit drei Partnern die Firma WUP. Modellbaumeister Nils Borgmann, mit 34 der jüngste Partner, stieß erst vor ein paar Jahren dazu. Das Berufsbild „Technischer Modellbauer Fachrichtung Anschauung“, wie der Abschluss heute heißt, gibt es in Deutschland seit circa 50 Jahren. Aktuell bestehen etwa 25 Auszubildende pro Jahr an der Berufsschule Biedenkopf ihre Abschlussprüfung. Der Bundesverband Modell­ und Formenbau geht davon aus, dass deutschlandweit um die 80 Betriebe existieren, die sich auf den Anschauungsmodellbau, zu dem auch der Architekturmodellbau gehört, spezialisiert haben. Das ist ein überschaubarer Kreis. Eine kleine Sparte, die sich immer wieder dem Stand der Technik anpassen und neue Arbeitsmethoden integrieren muss.


Aus dem 3-D-Drucker: Etwa 24 Stunden brauchte ein Hochleistungsgerät für das Kunststoffmodell des Sozialzentrums Christ the King, das in Sunyani in Ghana gebaut werden soll.
voxeljet

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Gebäudemodelle aus 25 Ländern besitzt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main. In der Datenbank http://archiv.dam-online.de sind alle Architekturmodelle aufgeführt und für jeden zugänglich.

Blick in die Zukunft

Ende der Pause. Zurück an die Arbeit. Die sechs Männer verteilen sich wieder über die Räume, jeder an den Platz, der gerade für den nächs­ten Arbeitsschritt optimal ist. Axel Jürgens, der vierte Partner, streift sich im größten Werkstattraum weiße Handschuhe über und trägt mit einem feinen Pinsel Lösemittelkleber auf Acrylglasteile auf. Helmut Lange greift zum Hammer. Hans Wiens geht zurück in die Holzwerkstatt, stellt sich dort an die Präzisionskreissäge, die kleine Teile bis auf ein Hundertstel genau zu­schneiden kann. Die Digitalanzeige gibt genauestens Auskunft. Auch der handliche Messschieber zum Überprüfen glänzt mit digitalen Zahlen. Wie ging das nur früher mit Laubsäge und Lineal? Als einfachste Modelle noch aus Pappe hergestellt wurden? Die Zeiten haben sich geändert. In den 1990ern kamen die Fräsen auf, die bis heute mit immer mehr Achsen immer leistungsfähiger werden. Zur selben Zeit machten die 3­D­-Animationen den handwerklich gebauten Modellen Konkurrenz. Eine Zeit lang spürte WUP das an der Auftragslage.


 „Aber irgendwann haben die Kunden dann doch gemerkt: Da fehlt das Haptische. Sie wollten wieder selbst um ein Modell herumgehen, das Gebäude aus allen Richtungen betrachten“, sagt Wiens. Zurzeit sind 3­D­-Drucker ein großes Thema. Ein Problem für die Branche? „Der 3­D­-Drucker ist eine Ergänzung. Wir sind froh, dass es ihn gibt. Es ist nicht abzusehen, dass er den Modellbauer ersetzen wird“, sagt Borgmann und spricht Schwierigkeiten der Drucker mit Querschnitten an und ihren geringen Anspruch an die Ästhetik. Wiens schlägt in die gleiche Kerbe: „So ein Modell hat einen gewis­sen künstlerischen Anspruch.“ Die beiden erinnern sich an so manche ihrer Projekte aus der Vergangenheit. Darunter sind das schneeweiße Stadion in der usbekischen Hauptstadt Taschkent mit seinem spektakulären Ziehharmonikadach oder das goldglänzende Koranmuseum in der saudiarabischen Stadt Medina. In jedes noch so kleine Detail haben sie all ihre Erfahrung und ihre Leidenschaft gesteckt. Ein Drucker hätte diese Kunstwerke herstellen sollen? Nicht vorstellbar.


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