Die Eagle Street Rooftop Farm begrünt seit 2008 die Skyline von Midtown Manhattan und gilt als erste kommerzielle Dachfarm von New York City.
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Die essbare Stadt

Gärtnern in Obst- und Gemüsebeeten macht Stadtbewohner glücklich und hat viele positive Effekte auf die nachhaltige Stadtentwicklung. Wie urbane Landwirtschaft weltweit unsere Städte verändert.

Tomaten ziehen, Feldsalat säen, Erdbeeren ernten und Grünkohlbeete jäten. Den Unterschied zwischen Bio- und konventionell angebautem Gemüse schmecken. In der Erde wühlen, nach getaner Arbeit die Füße hochlegen und den Honigbienen zuschauen. Der Gemeinschaftsgarten Neuland bringt Gartenglück und Landleben in die Kölner City. Hier kann jeder lernen, wie Anbau und Selbstversorgung funktionieren – mitten in der Stadt. Urban Gardening, so wird dieser Trend auch in Deutschland genannt. Was aber fasziniert die Menschen daran? In Köln störten sich die Bewohner jahrelang am Anblick eines riesigen Brachlandes, das zunehmend verfiel und als toter, ungenutzter Raum bloß noch Tristesse ausstrahlte. Das Blatt wendete sich erst, als im Sommer 2011 etwa 170 Menschen zusammenkamen, um das Areal in einem „Smartmob“ erst zu erobern – gewaltfrei – und dann zu bepflanzen. Wenig später gründeten die neuen Gemeinschaftsgärtner den Verein Kölner Neuland. Der versteht sich als ökologisches Landwirtschaftsprojekt in der Stadt. Gepflanzt wird in bewegliche Kästen, Kübel oder Säcke. Sollte das Gelände einmal bebaut werden, zieht der Garten einfach weiter. Was wie der Spleen einer lokalen grünen Stadtguerilla klingt, hat längst auch anderswo Wurzeln geschlagen. Im vergangenen Jahr wurde unter dem Titel „Die Stadt ist unser Garten“ das Urban-Gardening-Manifest veröffentlicht – 120 deutsche Gemeinschaftsgärten haben es bereits unterzeichnet. 


Die öffentliche Erklärung der Ziele und Absichten ist mit Blick auf die fast 500 Gemeinschaftsgärten im Bundesgebiet „Ausdruck einer kollektiven Bewegung, die mit neuen Impulsen für die Zukunft der Städte auf sich aufmerksam macht“, erklärt die Münchner Soziologin Christa Müller. Die Geschäftsführerin der Forschungsgesellschaft Anstiftung ist die Herausgeberin des Buches „Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“. Tatsächlich erlebt die Landwirtschaft in vielen Städten auf der ganzen Welt einen ungeahnten Zuspruch. An allen möglichen und unmöglichen Orten wird gebuddelt, gepflanzt und geerntet. Gesunde Lebensmittel anzubauen, Natur wieder hautnah zu erfahren, interkulturelle Begegnungen zu pflegen, all das bedeutet Teilhabe und sinnvolle Beschäftigung. Es scheint, als suchten die Menschen neue Wurzeln im urbanen Mutterboden. Neu ist die Idee der urbanen Lebensmittelproduktion keines-wegs. Stadtbürger waren bereits zu früheren Zeiten Ackerbürger und der Nutzgarten ein fester Bestandteil des Stadtbildes. In Deutschland waren Klein- und Schrebergärten an den Stadträndern und in Kleingartenkolonien schon im 19. Jahrhundert üblich. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ist urbaner Ackerbau heute vor allem ein Mittel zur Armutsbekämpfung. In Buenos Aires gebe es beispielsweise mehr als 2.000 Gemeinschaftsgärten, berichtet Indra Jungblut für die gemeinnützige Gesellschaft Reset. 


 


Seit einigen Jahren setzt auch die Welthungerhilfe auf städtische Äcker und unterstützt diverse Projekte, etwa in Kuba. Die Keimzelle der seit den 1990er-Jahren stetig wachsenden Urban-Gardening-Bewegung aber liegt wohl in den New Yorker Community-Garden-Projekten. Auf Niemandsland, zwischen Asphalt und Beton und ohne Rücksicht auf Eigentumsverhältnisse wurden dort schon in den frühen 1970er-Jahren gärtnerische, ernährungspolitische, ökonomische, soziale, künstlerische und stadtgestalterische Fragen verknüpft und in den neuen Gemeinschaftsgärten zu einem alternativen Lebensmodell entwickelt. Das New Yorker Programm Green Thumb ist mit 600 Gärten dabei nicht nur das älteste, sondern auch das größte Gemeinschaftsgartenprogramm weltweit. Viele Städte wie Toronto, Paris oder London haben nach diesem Vorbild eigene Programme entwickelt, berichtet die Stadtplanerin Ella von der Haide in ihrer 2014 erschienenen Studie „Die neuen Gartenstädte“.


Viele Ideen für urbane Mutterböden

Zunächst in Nordamerika, dann zunehmend auch in Europa verbreitete sich die Idee der interkulturellen Gärten, City Farms, Nachbarschaftsgärten, Kinderbauernhöfe, Schulgärten. Auch das sogenannte Guerilla Gardening trat seinen Siegeszug an. Die Initiative Toronto Public Space in Kanada wirbt zum Beispiel provozierend: „Join us as we vandalise the city with nature!” (Macht mit, wenn wir die Stadt mit Natur zerstören). Zürichs dienstältester Guerillagärtner flaniert bereits seit 1984 mit einem Säckchen Blumensamen bewaffnet durch die Straßen. Maurice Maggi ist ein Urgestein der Bewegung und hat in 30 Jahren das Stadtbild von Zürich verwildert und verschönert. Blumengraffiti sind die Früchte seiner Arbeit. Im vergangenen Jahr brachte der passionierte Kräutersammler ein Kochbuch heraus. Er nannte es schlicht „Essbare Stadt“.


Im rheinland-pfälzischen Andernach ist ein Gartenprojekt mit ebendiesem Titel, „Die essbare Stadt“, so erfolgreich in die Tat umgesetzt worden, dass die Stadtverwaltung dafür viele Auszeichnungen erhielt. „Andernach zeigt auf außergewöhnliche Art und Weise, wie in einer modernen Stadt Landwirtschaft betrieben werden kann. Gleichzeitig fördert das Projekt den Gemeinschaftssinn und macht die Stadt lebens- und liebenswerter“, heißt es in einer Laudatio. Die 30.000-Einwohner-Gemeinde hatte eine einfache und brillante Idee: Sie machte aus ihren Parkanlagen begehbare Gärten. Statt „Betreten verboten“ heißt es jetzt hier: „Pflücken erlaubt“. Denn die typische Bepflanzung wurde durch Gemüse ergänzt, das der Bevölkerung kostenlos zur Verfügung steht. Bei der Beetpflege packen die Bewohner selbst mit an und ernten gemeinsam Zucchini, Mangold und andere Gemüsesorten. Ein weiterer Pluspunkt: Andernach konnte auch Langzeitarbeitslosen eine neue Perspektive geben. 


80%

aller insektenblütigen Pflanzen werden von Bienen bestäubt. Stadtimker sagen: Der optimale Flugradius einer Biene liegt bei weniger als 1 Kilometer.

Für weltweites Aufsehen sorgte die Aktion der britischen Gartenaktivistin Pam Warhurst: Sie grub ihren Heimatort Todmorden in West Yorkshire buchstäblich um. Mit dem Programm „Incredible Edible“ (Unglaublich essbar) bewies Warhurst, dass es möglich ist, einen ganzen Ort durch den Eigenanbau von Lebensmitteln selbst zu versorgen.Todmorden machte sich damit unabhängig von der Lebensmittelindustrie, verbesserte das Sozialverhalten und minderte die Kriminalitätsrate. Ein neues Gefühl der Wertschätzung von Lebensmitteln und deren Anbau ist entstanden und findet weltweit Bewunderer und Nachahmer. „Wir nennen es Propaganda-Gärtnern“, sagt Pam Warhurst über ihre Urban-Food-Strategie. Kein Wunder, dass Urban Gardening mittlerweile von Städten gefördert wird. So unterstützt Wien beispielsweise seit 2010 die Nachbarschafts- und Gemeinschaftsgärten im dicht bebauten Stadtgebiet. 2008 wurde der erste Nachbarschaftsgarten gegründet; 2015 gibt es bereits rund 60 solcher Community Gardens. Neben „Grätzelinitiativen“ entstanden Vereine, die gemeinschaftliches Gärtnern mit sozialen, integrativen oder pädagogischen Aspekten verbinden.


Locavore

Der amerikanische Ernährungstrend ist eine Wortschöpfung aus local (regional) und vorare (verschlingen). Bevorzugt werden Produkte, die innerhalb der umliegenden 100 Meilen gezüchtet, angebaut oder hergestellt wurden.

Das Motto „Gemeinsam garteln verbindet“ wurde jüngst vom Wiener Immobilienunternehmen Buwog aufgegriffen. Der Investor errichtete einen Dachgarten mit Hochbeeten und Gewächshaus für Wohnungsmieter. Auch Klimaschutzziele treiben Dachprojekte in vielen Städten voran. Seit 2015 sind in Frankreich bei Neubauten in Gewerbe gebieten unter anderem Dachgärten vorgeschrieben, und in Hamburg werden sie auf Wohn- und Gewerbebauten finanziell gefördert. Als spektakuläres Planungsbeispiel im Zentrum der norddeutschen Hansestadt gilt das Projekt Hilldegarden, eine Wortschöpfung aus „hill“ und „garden“. Das Dach eines alten, 39 Meter hohen Bunkers soll zu einem 8.000 Quadratmeter großen Stadtgarten entwickelt werden. Die Traglast der fünf Meter dicken Decken dürfte der gärtnerischen Kreativität viel Freiraum lassen.


Kohlernte vor der Burg in Andernach: Auf den Grünflächen der „essbaren Stadt“ ist das Pflücken ausdrücklich erlaubt.
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Städte profitieren vom Obst- und Gemüseanbau

Vor allem aber für schrumpfende Städte kann die neue urbane Gartenkultur ein Segen sein. Seit dem Niedergang der Autoindustrie muss beispielsweise das US-amerikanische Detroit einen Bevölkerungsschwund von rund 60 Prozent verkraften und hat in der Folge mit extrem hohem Leerstand zu kämpfen. Zahlreiche große und kleinere innenstadtnahe Grundstücke sind verwaist und dem Niedergang preisgegeben. Frische Ideen wie Urban Gardening können helfen, das Problem zu lösen: Überall in Detroit haben Privatpersonen, Kirchen, Schulen und Organisationen Brachland in Gemüsebeete und Gemeinschaftsgärten verwandelt. Mit geschätzten 1.500 Anbauflächen und 185 Organisationen sei Detroit nationaler Vorreiter, berichtete Lu Yen Roloff im Wirtschaftsmagazin „Enorm“. Ob im Gegensatz zu Detroit auch eine rasant wachsende Stadt ihre Bewohner selbst ernähren kann oder sogar muss, ist eine völlig andere Frage.


Eine ganze Reihe von Zukunftsforschern und Landwirtschaftsexperten glaubt zumindest, dass der Obst- und Gemüseanbau inmitten der Stadt der einzige Lösungsweg für die künftige Welternährung ist. Nach dem Datenreport der Stiftung Weltbevölkerung lebten Mitte 2014 rund 7,2 Milliarden Menschen auf der Erde, 2050 werden es über 9,6 Milliarden sein. Riesenstädte sollen entstehen, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wie sollen sich die Stadtmenschen in Zukunft ernähren? Als Hoffnungsträger für eine effektive, gesunde und nachhaltige Selbstversorgung gelten schon heute moderne Stadtfarmen. Sie versuchen, ihre ökologischen Ziele auf kommerzielle Weise regional umzusetzen. Auch neue Gesetze verbessern die Möglichkeiten der urbanen Landwirtschaft: In San Francisco beispielsweise werden seit Kurzem durch den Urban Agriculture Incentive Zones Act Grundstückseigentümern steuerliche Vorteile gewährt, wenn sie auf ihrem städtischen Land die Lebensmittelproduktion gestatten. Caitlyn Galloway, Mitbegründerin von Little City Gardens in San Francisco, sieht darin große Chancen. Sie experimentiert in kleinem Maßstab mit dem wirtschaftlichen Anbau von Marktgemüse und sagt: „Die Aussicht auf deutlich längerfristige Vereinbarungen mit den Grundstückseigentümern würde uns ganz andere Möglichkeiten eröffnen.“


Kommt der Salat bald aus dem 15. Stock?

Auch Innovationen wie Aquaponic werden bereits in einigen Ländern kommerziell erprobt – ein Hybridverfahren, das Fischzucht in Aquakultur und Kultivierung von Nutzpflanzen in einem automatisierten und geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislauf verbindet. Ebenso werden die unglaublichen Möglichkeiten des Vertical Farming erforscht, einer Zukunftstechnologie, die eine erwerbsmäßige Massenproduktion pflanzlicher und tierischer Erzeugnisse in Hochhäusern, sogenannten Farmscrapers, im Ballungsgebiet der Städte ermöglichen soll. Ob die urbane Landwirtschaft tatsächlich in den Himmel wächst, wird sich zeigen. In einem jedoch sind sich viele Experten einig: „Die Landwirtschaft muss die Städte erobern“, wie kürzlich Tilla Künzli forderte, Gartenaktivistin und Sprachrohr von Urban Agriculture Basel. Ihr geht es nicht um Freizeitgärtnerei, sondern darum, die städtische Landwirtschaft als Lösungsansatz für eine Menge anstehender Zukunftsaufgaben zu nutzen – allen voran Bevölkerungswachstum, Ressourcenknappheit und Klimawandel.


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