Mit der Entwicklung des neuen Aufzugsystems Multi – im Bild eine Simulation – hat Thyssen Krupp Elevator eine neue Ära der Aufzugtechnik eingeläutet: Die mit Magnetschwebetechnologie angetriebenen Kabinen kommen ohne Seile aus und können sich nach oben und unten sowie nach links und rechts bewegen.
Thyssenkrupp (Simulation)

Wir wollen hoch hinaus

Aufzüge sind Garanten der vertikalen Stadt. Die innovativsten kennen den schnellsten Weg, melden technische Schwachstellen selbst, generieren Werbeeinnahmen und erschließen erstmals – seillos und mit Magnetschwebetechnologie – die Horizontale.

Die vier blassgrauen Aufzugtüren in der Lobby des Scandic Hamburg Emporio haben sich im letzten Jahr zu echten Hinguckern gewandelt. Wer wartend vor ihnen steht, kann nicht anders, als die wechselnden Bilder zu betrachten und die kurzen Botschaften zu registrieren. Hier ein Foto vom verführerisch-frischen Drink „Emporio Fizz“, nebenan ein freundlicher Willkommensgruß, schon ein paar Sekunden später blendet der über der Tür angebrachte Projektor ein neues Bild ein. Die Doorshow ist am Werk: Als eines der ersten Hotels ließ das Scandic Hamburg Emporio dieses neue Werbe- und Informationsmedium für die Außenflächen der Fahrstuhltüren von Schindler installieren. „Wir haben uns schnell überzeugen lassen“, sagt Tobias Albert, Director of Sales & Marketing. „Das ist eine Werbefläche, auf die gewartet wurde.“ Auch wenn das Hotel bislang keine Fremdwerbung einspielt – die hauseigenen Produkte lassen die Aufzugtüren nachweislich gut dastehen. Der Drink „Emporio Fizz“ wird häufig an der Bar bestellt, obwohl er nicht auf der Karte steht.


„Fahrstühlen fehlte bisher dieser Pep“, findet Tobias Albert. „Wenn es um Design ging, waren sie eher ein Störfaktor.“ Im Scandic Hotel zeigt sich auch im Inneren des Aufzugs ein besonderes Ambiente. Meerblaues Licht umfängt den Gast, der im Foyer in die Kabine einsteigt, bei der Fahrt hoch in die siebte Etage wird das Licht fließend heller. „Wie bei einem Taucher, der aus der Tiefe an die Wasseroberfläche schwimmt“, hilft Albert auf die Sprünge. Stimmt, man kann selbst darauf kommen, wenn man weiß, dass sich das Hotel dem Thema Wasser verschrieben hat.


Wenn es um Design ging, waren Fahrstühle eher ein Störfaktor.
Tobias Albert, Director of Sales & Marketing, Scandic Hamburg Emporio

Design, Schönheit, aber auch spektakuläre Konstruktionen ziehen Fahrgäste in ihren Bann, wie etwa im Berliner Hotel Radisson Blu. Im dortigen Foyer gleitet ein gläserner Aufzug mitten durch ein mit über einer Million Liter Wasser gefülltes Aquarium. Rund 1.500 Fische umschwimmen die Passagiere bei ihrer Fahrt durch den Aquadom. Er ist das größte frei stehende zylindrische Aquarium der Welt, das zum Sea Life Berlin gehört und im 68.000 Quadratmeter umfassenden Berliner CityQuartier DomAquarée beheimatet ist, einer 2005 fertiggestellten Projektentwicklung von Union Investment. Attraktionen wie diese ziehen viele Besucher an. Doch auch die inneren Werte eines Aufzugs müssen stimmen. In seiner gut 160-jährigen Geschichte – nimmt man Elisha Graves Otis’ Erfindung des absturzsicheren Fahrstuhls als Startpunkt – hat sich das Transportmittel unentwegt weiterentwickelt. Aufzüge sind schneller, ruhiger, leichter und vor allem intelligenter geworden.


Damit sie lange funktionstüchtig und sicher bleiben, haben viele Hersteller Systeme zur präventiven Wartung entwickelt. Dauerte es in der Vergangenheit oft lang, bis jemand den defekten Aufzug meldete, ein Techniker kam, die benötigten Ersatzteile besorgte und den Fahrstuhl reparierte, können solche Ausfallzeiten heute verhindert, zumindest verringert werden. Die vorausschauenden Wartungssysteme sammeln Sensorendaten in den Aufzügen, senden sie an eine Cloud, wo sie analysiert und Störungen frühzeitig erkannt werden. So wissen Serviceunternehmen und Betreiber durchgehend über den Zustand ihrer Aufzüge Bescheid, und Techniker können handeln, bevor ein Fahrstuhl defektbedingt stillsteht.


Mit der App zum Aufzug

Gebäudenutzer hat derweil die Digitalisierung der Aufzugsbranche auf ganz andere Weise erreicht. Mit Schindlers Port-Technologie beispielsweise kommen Fahrgäste auf dem effizientesten Weg an ihr Ziel im Gebäude. Die Nutzer authentifizieren sich mit einer Zugangskarte am Terminal vor den Lift und können auf dem Touchscreen die Kabine ablesen, die sie schnellstmöglich ins gewünschte Stockwerk bringt. Die Port-Technologie fasst die Personen, die eine bestimmte Etage ansteuern, zusammen und reduziert so die Anzahl der Zwischenstopps. „Das Verkehrsmanagementsystem spielt seine Vorteile vor allem in komplexen und hohen Gebäuden mit vielen Aufzügen aus“, erklärt Jan Steeger, Pressesprecher bei Schindler. „Wir setzen es weltweit ein. Mit Port kann die Förderkapazität um bis zu 40 Prozent gesteigert werden.“ Vorteile verschafft das nicht nur den Nutzern, deren Wartezeit minimiert wird. Letztendlich führt die optimale Verteilung der Fahrgäste dazu, dass insgesamt weniger Aufzüge nötig sind und entsprechend weniger kostbare Nutzfläche verbraucht wird. Eine teilweise Abschaltung außerhalb der Stoßzeiten trägt zudem dazu bei, Strom zu sparen und die Nebenkosten zu senken. Diese Erfahrung machte man beispielsweise im mit 484 Metern höchsten Wolkenkratzer Hongkongs, dem International Commerce Centre, das allein durch diesen Effekt seinen jährlichen Fahrstuhl-Energieverbrauch um 85.000 Kilowattstunden senken konnte.


In dem 246 Meter hohen Turm testet Thyssen Krupp Elevator Hochgeschwindigkeitsfahrstühle und sorgt damit im süddeutschen Rottweil für Besucherrekorde.
Thyssenkrupp

Auch im Park-Tower, dem höchsten Gebäude der Schweizer Stadt Zug, kommt das Verkehrsmanagementsystem zum Einsatz. Gewerbe und Wohnungen verteilen sich im 81-Meter-Hochhaus auf 25 Etagen. Über eine individuelle Zugangsberechtigung, Bluetooth und die Smartphone-App Myport öffnet sich den Bewohnern und Nutzern automatisch die Schranke zur Tiefgarage, wo der Aufzug bereits wartet und seine Fahrgäste in die richtige Etage bringt, ohne dass irgendwo ein Knopf berührt werden muss. Doch die Vernetzung mit anderen Gebäudetechniken muss hier noch längst nicht ihr Ende finden. Wie wäre es, wenn nach dem Öffnen der Wohnungstür mit der Myport-App auch das Licht und die Heizung angehen würden? „Im Moment haben viele Anbieter ihr eigenes System“, sagt Steeger. „Wir müssten als nächsten großen Schritt einen Standard schaffen, gemeinsame Schnittstellen, auf die sich alle Beteiligten einigen.“


Neue Höhenrekorde mit Ultrarope

Allein Schindler bewegt täglich mit seinen Aufzügen, Fahrtreppen und Fahrsteigen eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt. Das in der Schweiz beheimatete Unternehmen gehört in Europa zu den Big 4 der Aufzughersteller, neben Otis, Kone und Thyssen Krupp – und alle vier Unternehmen zählen auch global zu den größten der Branche.


2013 stellte das finnische Unternehmen Kone seine Neuentwicklung Ultrarope vor. Mit diesem Seil, das aus mit Polyurethan ummantelten Kohlenstofffasersträngen besteht, sollen sich Förderhöhen bis 1.000 Meter realisieren lassen. Das wäre eine Verdopplung der bisher möglichen 500 Meter, die aufgrund des hohen Eigengewichts der Stahlseile nicht überschritten werden konnten. Das Ultrarope wiegt nur etwa ein Fünftel so viel wie herkömmliche Seile und ist trotzdem belastbarer. Im demnächst höchsten Gebäude der Welt wird die Fördertechnologie zeigen, was sie kann. Kone stattet den Jeddah Tower im saudi-arabischen Dschidda unter anderem mit den sieben schnellsten Doppeldeckeraufzügen der Welt aus. Ihre Förderhöhe wird erstmals 660 Meter erreichen. Insgesamt soll der Jeddah Tower 1.007 Meter in die Höhe ragen und 2020 fertiggestellt sein.


Zum wohl größten technologischen Sprung hat Thyssen Krupp Elevator angesetzt. Voraussichtlich 2021 verbauen die Essener erstmals ihren neuen „Multi“ – den weltweit ersten auch horizontal fahrenden Aufzug, der auf Magnetschwebetechnologie basiert und ohne stählerne Tragseile auskommt. Der Aufzug wurde quasi neu erfunden und findet seine erste offizielle Heimat im neuen Berliner East Side Tower. Bereits im Juni 2017 stellte Thyssen Krupp die erste voll funktionsfähige Einheit im baden-württembergischen Rottweil vor. Zwölf Schächte stehen dort in einem 246 Meter hohen Testturm zur Verfügung, drei davon sind für den Multi reserviert. In den anderen neun erproben die Ingenieure auch Hochgeschwindigkeitsaufzüge, die bis zu 18 Meter pro Sekunde schaffen. Zum Vergleich: Der weltweit schnellste Lift im Shanghai Tower, Schanghai, bringt es auf 20,5 Meter pro Sekunde.


„Halb Paternoster, halb Transrapid“

Mit fünf bis sechs Metern pro Sekunde ist der Multi dagegen langsam; doch kompensiert er seine fehlende Rasanz mit Verfügbarkeit. Da viele Kabinen im selben Schacht zirkulieren, müssen Fahrgäste nie länger als 15 bis 30 Sekunden auf den nächsten Aufzug warten. Gleichfalls passen nur bis zu acht Personen in eine Kabine hinein, was zu weniger Stopps führt und die Zeit verkürzt, die Passagiere zum Ein- und Aussteigen benötigen. Auch Leerfahrten werden auf diese Weise reduziert, ein willkommener Nebeneffekt.


Wir müssten einen Standard schaffen und gemeinsame Schnittstellen.
Jan Steeger, Pressesprecher bei Schindler

Die Kabinen wurden aus vielerlei Gründen sehr leicht und klein konzipiert. Thyssen Krupp nutzt die Linearmotortechnologie, die das Unternehmen für die Magnetschwebebahn Transrapid mitentwickelt hat. Um unter dem für den Linearmotor optimierten Gewicht zu bleiben, werden unter anderem Kohlenstoffverbundstoffe eingesetzt, die das Kabinengewicht um bis zu 50 Prozent verringern. Dadurch, dass die neue seillose Technologie deutlich kleinere Schächte benötigt – traditionelle Aufzugschächte blockieren bis zu 40 Prozent im Grundriss –, kann die vermietbare Nutzfläche in Gebäuden vergrößert werden. „Je höher Gebäude sind, desto wirtschaftlicher wird es, denn die Flächeneinsparung, die man durch den Multi erreicht, wird mit der Zahl der Geschosse multipliziert“, erklärt Andreas Schierenbeck, CEO von Thyssen Krupp Elevator. „Wenn ein Gebäude also 100 Stockwerke hat, dann erhöht sich die Flächeneinsparung um den Faktor 100.“


Um neben der Vertikalen auch die Horizontale bedienen zu können, mussten die Ingenieure eine ganz neue Komponente erfinden: Über eine Weiche, den Exchanger, kann der Multi seine Fahrtrichtung nicht nur zwischen oben und unten ändern, sondern er kann auch seitwärts fahren. Da die Kabine an einer Art Wagen hängt, sind die Passagiere durch ein mehrstufiges Bremssystem geschützt. 


Als „halb Paternoster, halb Transrapid“ beschreibt der Hersteller seinen Multi und rechnet vor, dass der Aufzug ab 300 Metern Gebäudehöhe oder ab 100 Geschossen rentabel sei. Stoßen die verschiedenen Seiltechnologien bisher an Grenzen, sind dem Multi praktisch keine Limits gesetzt. Der unbeschränkte Einsatz in der Vertikalen, ergänzt um die neue horizontale Flexibilität, bedeutet für Architekten, Betreiber und Stadtplaner ein Umdenken. Was ist nun alles möglich?


Eine U-Bahn im Hochhaus

Kabinen könnten problemlos zwischen Gebäuden hin- und herfahren oder diese mit unterirdischen Metro-Stationen verbinden. Bei Thyssen Krupp Elevator wird das neue Aufzugsystem gern selbst mit einer U-Bahn im Hochhaus verglichen. Es gilt als modernes Transportmittel in riesigen Gebäuden, die dem Größenvergleich mit einer Stadt schon längst nicht mehr hinterherhinken.


Zurzeit wird der Multi im Rottweiler Turm weiter getestet und zertifiziert. Er ist zwar in jeder Hinsicht funktionstüchtig, jedoch noch nicht endgültig für den Personentransport zugelassen. An seinem Konzept tüfteln die Ingenieure nun parallel weiter und denken bereits in der dritten Dimension. Wenn Aufzüge nach oben, unten, rechts und links fahren können, warum dann nicht auch nach hinten und vorn?


Von Petra Nickisch-Kohnke


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