L’Arbre Blanc – der weiße Baum in Montpellier am Ufer des Lez – ist eine Attraktion dank seiner 193 unregelmäßig und filigran geformten Freiluftflächen. Sie ermöglichen den Bewohnern ein angenehmes Leben unter freiem Himmel und bieten herrliche Ausblicke in die sonnenverwöhnte Stadt.
Cyrille Weiner (Simulation)

Freiraum

Der Balkon ist ein bemerkenswerter Zwitter. Draußen liegt er und benötigt doch das Drinnen. Verwandelt eine Hauswand mal in eine Bühne, mal in einen Zuschauerraum. Das Freiluftareal ist ein wahres Multitalent und nicht erst seit dem Corona-Lockdown begehrt. Architekten inspiriert die Plattform an der Fassade auf besondere Weise. Von Elke Hildebrandt

Französischer Lebensstil auf dem Balkon? Gar keine Frage – auf den großzügigen Open-Air-Wohnflächen des L’Arbre Blanc lässt sich das Leben genießen. Das weiße Gebäude im südfranzösischen Montpellier ist eine Hommage an die Balkonarchitektur und bestens geeignet für das Savoir-vivre seiner Bewohner. Mit seinen filigranen Plattformen wirkt das elegante Wohnhaus wie ein Märchenbaum, der behutsam seine zarten Äste ausstreckt. 193 unregelmäßig angeordnete Balkone formen sein Antlitz. Am Ufer des Lez gilt das 56 Meter hohe Gebäude deswegen auch als zeitgenössische Verrücktheit. Denn mit einem „französischen Balkon“, der gewöhnlich nur minimal aus der Fassade hervortritt, haben die Freiflächen des L’Arbre Blanc herzlich wenig zu tun.


Mehrere Meter kragen die Balkone hier aus dem weißen Turm heraus. Jedes der 113 Luxus-Apartments verfügt über mindestens einen dieser außergewöhnlichen Außenräume, die bis zu 35 Quadratmeter groß sind. Mit seinen fließenden Grenzen zwischen innen und außen wurde L’Arbre Blanc von einem japanisch-französischen Architektenteam perfekt erdacht für die sonnenverwöhnte Stadt. Die Balkone ermöglichen nicht nur herrliche Ausblicke und ein angenehmes Leben unter freiem Himmel. Die Freiflächen sorgen auch für Verschattung und Kühlung. Das dürfte das Herz vieler Balkonien-Urlauber höherschlagen lassen.


Ein Balkon – der vorspringende Teil an einem Gebäude, umgeben von einem Geländer oder einer ähnlichen Umrandung – verspricht generell eine höhere Aufenthalts- und Wohnqualität. Das wissen Mieter und Eigentümer im urbanen Umfeld sehr zu schätzen. Gerade in Zeiten von Corona, Quarantäne und Physical Distancing genießen die Freiflächen einen hohen Zuspruch. Im vergangenen Frühling wurden Balkone für viele Städter sogar zum ultimativen Place to be. Hier durfte sich das private Leben in der Freiluftatmosphäre der City noch ungehindert entfalten.


Mit einem Balkon sind Stadtbewohner aber nicht erst seit Corona-Zeiten privilegiert – steigt doch mit einer Außenfläche nicht nur der Komfort, sondern auch der Wert der Wohnung. Der Balkon gilt demnach als Luxusgut und hat seinen Preis. Die Plattform Immowelt.de wollte es genauer wissen und hat den Preisunterschied zwischen Mietwohnungen mit und ohne Balkon 2018 untersucht. Das Ergebnis: Bis zu rund einem Drittel mehr zahlen Mieter für Wohnungen mit Balkon in den 14 größten Städten Deutschlands. Und das, obwohl die Maße eines Balkons nur mit 25 bis 50 Prozent zur Wohnfläche gezählt werden und für die Gesamtwohnfläche in der Regel kaum ins Gewicht fallen. „Die Zusatzkosten sagen viel über den hohen Stellenwert des privaten Rückzugsortes aus“, schlussfolgerte Immowelt.de und stellte weiterhin fest: „Bei Neubauten sind Balkone inzwischen Standard.“


Für auskragende Bauteile wie Balkone müssen bei einer Blockrandbebauung Überbaurechte beantragt werden.
Bent Mühlena , Leiter Immobilienprojektmanagement bei Union Investment

Balkone stehen für qualitativ hochwertige Wohnungen

Peter Friedrich Berchtold, Leiter des Vertriebs der österreichischen Buwog Group, kann das bestätigen: „Wir bieten mittlerweile jede Neubauwohnung mit zugehöriger Außenfläche an. Damit reagieren wir auf die äußerst hohe Nachfrage.“ Ein Buwog-Angebot im Westen von Wien klingt dennoch außergewöhnlich. Im Kennedy Garden werden vier der sechs Gebäudeteile nach dem Konzept der Garden Frames ausgestattet: Nicht nur jede Wohnung erhält einen Balkon oder Freiraum, sondern sogar jedes einzelne Zimmer. „Großzügige und individuell gestaltbare Freiräume sind ein Kernkriterium für qualitativ hochwertige Wohnungen“, erklären Love Architecture and Urbanism, die Projektplaner der Garden Frames. Eine derart üppige Ausstattung lässt sich wohl nur noch steigern durch die sogenannten Social Balconies. Das Balkonsystem soll die Beziehungen zwischen Nachbarn fördern und wurde von Edwin Van Capelleveen entwickelt. Mithilfe modularer Komponenten können bereits bestehende Balkone miteinander verbunden werden, um urbane Räume für gemeinsame Aktivitäten zu erschließen.


Wie bedeutsam Balkone für die Wohnqualität sind, zeigt sich bei der Umwidmung von Büroimmobilien. Denn im Officebereich sind die Freiflächen an den Fassaden traditionell kein Thema. Das hat unterschiedliche Gründe, wie Bent Mühlena, Leiter Immobilienprojektmanagement bei Union Investment, erläutert: „In vielen Ländern haben Bürogebäude geschlossene Fassaden, um die Effizienz von Lüftungs- und Klimaanlagen gewährleisten zu können. Auch Sicherheitsaspekte spielen eine Rolle sowie die Frage, inwieweit Balkonflächen bei der Mietkalkulation zu berücksichtigen sind und ob sie für eine Büronutzung überhaupt benötigt werden.“ Daher macht der Umbau von Büro- in Wohnraum häufig den nachträglichen Einbau von Balkonen erforderlich.


Bürogebäude lassen sich mit Balkonen in Wohnhäuser umwandeln

Im ehemaligen Thyssen Trade Center in Düsseldorf, heute bekannt als Living Circle, lässt sich die Verwandlung eines kompletten Immobilienareals an den neuen Balkonen ablesen. Nachdem die Vermietung der rund 33.000 Quadratmeter Bürofläche erfolglos geblieben war, entstanden in den vormals gewerblich genutzten Gebäuden rund 340 Wohneinheiten mit neuen, teilweise stützenfrei vorgehängten Balkonen.


Ähnlich erging es dem ehemaligen Sitz des Bundesverbands der Deutschen Industrie in Köln, der zum Wohnhochhaus namens Flow Tower umgenutzt wurde. „Die geschwungene Form der neuen Balkone unterstreicht die Dynamik der markanten Grundform des Bestandsgebäudes“, kommentiert das für den Entwurf und die Umplanung verantwortliche Architekturbüro JSWD. Architekten und Bauherren haben die freie Wahl, wenn sich Balkone ungehindert im Außenraum entfalten können. Anders verhält es sich in beengten Innenstädten. In hochpreisigen Core-Lagen gilt es die Grundstücksfläche, meist durch eine Blockrandbebauung, optimal auszunutzen. „Für auskragende Bauteile wie Balkone müssen dann Überbaurechte beantragt werden, mit deren Genehmigung sich viele Städte schwertun“, berichtet Mühlena.


Das Konzept der Social Balconies wurde von Edwin Van Capelleveen entwickelt. Mithilfe modularer Komponenten können bereits bestehende Balkone für mehr gemeinsame Aktivitäten miteinander verbunden werden.
Edwin van Capelleveen / Social balconies

Im Wohnhochhaus Kolb 13 an einer Hauptverkehrsader in Frankfurt-Sachsenhausen erfolgte die Umwandlung daher ohne vorgesetzte Balkone; stattdessen wurden Loggien geplant. Diese „wurden in das Gebäudevolumen des ehemaligen Bürohauses hineingeschnitten und bieten den Bewohnern nun einen qualitätsvollen privaten Freiraum“, erklärt Jürgen Steffens, Founding Partner von JSWD in Köln. Die Gestaltung von Freiflächen an der Gebäudefassade inspiriert Architekten und bringt spannende Entwürfe hervor. Das Architekturbüro Aedas beispielsweise platzierte in der Fassade des 18-stöckigen Lè Architecture in Taiwan gleich mehrere einladende Freiluftebenen. Am Jilong-Fluss in Taipeh bietet das Office Building dank seiner besonderen Architektur und der begehbaren Außenflächen eine hochwertige Arbeitsumgebung. Nicht selten verleihen erst die Balkone einem Gebäude eine skulpturale Qualität, wie etwa beim Aqua Tower in Chicago. Die sich behutsam windenden weißen Betonbalkone tragen hier auch dazu bei, die Windwirbel aufzubrechen und die Windscherung zu minimieren.


Balkone spielen ebenso eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Natur und Architektur miteinander zu verbinden. Als wegweisend auf diesem Gebiet gilt seit 2014 der Bosco Verticale des Architekten Stefano Boeri. Die begrünten Zwillingstürme in Mailand wurden weltweit bekannt, weil rund 20.000 Sträucher und 800 Bäume auf den Balkonen wachsen. Ihre Aufgabe ist es, in den Wohnungen ein besseres Mikroklima zu schaffen, Staubpartikel aus der Luft zu filtern und Sauerstoff zu produzieren. Die 1,3 Meter tiefen Balkon-Betonwannen bieten dafür den geeigneten Lebensraum.


Wer auf urbanen Balkonen einen besonderen Nervenkitzel sucht, für den sind Aussichtsplattformen begehrte Sehnsuchtsorte. New York City bietet gleich mehrere altbekannte und neue Hotspots. Seit diesem Jahr gehört auch die Freiluftplattform des Bürohochhauses 30 Hudson Yards zum Angebot: The Edge ragt stolze 20 Meter aus dem Office Tower heraus – mit gläsernem Boden und in schwindelerregender Höhe von mehr als 330 Metern. Besucher sind auf dem XXL-Balkon herzlich willkommen. 


Von Elke Hildebrandt


Drucken

Mehr zu diesen Themen: