Das urbane Ökosystem ist für die Entstehung eines Clusters entscheidend. Das herkömmliche Modell eines Business-Parks funktioniert nicht mehr.

Britische Kreativcluster fördern

Wenn das Vereinigte Königreich nach dem Brexit eigene Wege geht, wird der Erfolg davon abhängen, ob das Land seine Wettbewerbsstärken ausspielen kann. Die Förderung der heimischen Kreativwirtschaft und der Tech-Branche – Sparten, in denen die Briten jeweils international zur Spitze gehören –, wird ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

In der britischen Kreativwirtschaft erzielen mehr als zwei Millionen Beschäftigte einen Umsatz von über 100 Milliarden Pfund im Jahr. Auch im Bereich Technologie und Life Sciences ist das Land Weltklasse. Laut einer Studie von Atomico hat Großbritannien im europäischen Vergleich mit Abstand die meisten „Unicorns“, also Tech-Start-ups mit einem Marktwert von mehr als 1 Milliarde US-Dollar. London rangiert vor Berlin und Paris als Standort mit der größten Tech-Gemeinschaft.


Die Herausforderung besteht jetzt darin, für ausreichend Talentnachschub zu sorgen und Kreativcluster zu fördern, die in der Lage sind, die Technologien und Inhalte der Zukunft zu entwickeln.


Voraussetzungen für die Entstehung von Clustern

Michael Davis, Head of London Unlimited bei der Immobilienberatung JLL, weist darauf hin, dass vor allem drei Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit sich Kreativcluster entwickeln: Verfügbarkeit von geeigneten Hochschulabsolventen, Nähe zur Wirtschaft, gute Verkehrsanbindung. Bei allen drei Faktoren schneidet London gut ab.


Im Rahmen der Studie „Innovation Geographies“ hat JLL die Innovationsstärke und die Verfügbarkeit von Fachkräften in 109 Städten analysiert. Dabei erwies sich London dank seiner hochkarätigen Universitäten und hoch qualifizierten Arbeitskräfte als der weltweit führende Talent-Hub. Beim Ranking der innovativsten Städte kommt die britische Hauptstadt auf Platz fünf, wobei der Anteil der Beschäftigten in Hightech-Branchen bei annähernd 15 Prozent liegt.


Das Tech-Cluster Shoreditch im Osten der Stadt ist eine oft zitierte Erfolgsgeschichte. Ein weiteres Beispiel ist der „Knowledge Corridor“, der vom Bahnhof King’s Cross bis zum West Campus des Imperial College London im Stadtteil White City reicht. Dazu gehören das Francis Crick Institute für Biomedizin ebenso wie eine Reihe weiterer Hochschuleinrichtungen und Pharmaunternehmen. Google errichtet derzeit eine neue Londoner Firmenzentrale ebenfalls in der Nähe von King’s Cross.


Die großen Schwachpunkte Londons sind jedoch die hohen Büromieten und Lebenshaltungskosten. „Kreativ- oder Technologiecluster können nur dann gedeihen, wenn die Unternehmen in den Phasen Gründung, Scale-up und Reife wirtschaftlich tragfähig sind“, so Mike Gedye, Executive Director EMEA bei Immobilienmakler CBRE. „London ist zwar eine tolle Ideenschmiede, aber viele Scale-ups können sich die Stadt auf Dauer nicht leisten.“


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Wachstum in den britischen Technologieregionen

So verweist Gedye auf Manchester, das in der CBRE-Studie „Tech Cities“ in der Liste der führenden britischen Technologiestandorte außerhalb Londons den ersten Rang belegt, gefolgt von Glasgow, Edinburgh und Birmingham.


„Die Verfügbarkeit von Fachkräften ist in der Wissensökonomie der allerwichtigste Faktor“, so der Experte. „Von den Hochschulen im Großraum Manchester gehen mehr Absolventen in technische Berufe als bei den Universitäten Oxford oder Cambridge.“


Hochschulen spielen bei der Entwicklung des passenden Umfelds für Kreativ- und Tech-Unternehmen oft eine entscheidende Rolle, denn sie dienen als Keimzelle für Talente und Ideen. Die schottische Stadt Dundee ist dafür ein exzellentes Beispiel. Seit der Einführung des Studiengangs Computerspiele an der dortigen Abertay University im Jahr 1997 hat sich die Stadt zu einem bedeutenden Standort der Videospielbranche entwickelt. Das mit 9 Millionen Pfund finanzierte Projekt „Innovation for Games and Media Enterprise“ soll zum weiteren Ausbau des Erfolgs beitragen, indem es die gemeinsame Innovationstätigkeit von Forschern, Studierenden und Unternehmen bündelt.


Erfolgsfaktor Placemaking

„In Oxford und Cambridge wiederum haben sich Biologie- und Biotechnologiecluster gebildet, da dort die entsprechenden Absolventen zu den besten Köpfen weltweit gehören“, so Michael Davis von JLL. „Aufgrund der hohen Lebensqualität und der Möglichkeit, zusammen mit Gleichgesinnten seiner fachlichen Leidenschaft nachzugehen, bleibt man gerne auch nach dem Studium.“


„Das sogenannte Placemaking ist überhaupt bei der Gewinnung und Bindung von Talenten von kritischer Bedeutung. Gemeint ist die Summe aus Gemeinschaftsgefühl, Atmosphäre, Erlebnissen und Authentizität, die eine Stadt, einen Campus oder ein Gebäude besonders attraktiv macht. Manchester ist in dieser Hinsicht sehr erfolgreich gewesen“, erklärt Mike Gedye.


In Manchester bleiben die Absolventen deutlich länger am Studienort wohnen als anderswo, da sie sich in der Stadt wohlfühlen und die günstigen Lebenshaltungskosten schätzen. Gleichzeitig kehren rund 60 Prozent der Absolventen, die auswärts studiert haben, in die Stadt zurück, um dort den ersten Schritt ins Berufsleben zu tun.


Ankermieter setzen Wachstum in Gang

Nicht selten ist auch die Ansiedlung eines zugkräftigen Ankermieters ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Entwicklung eines Clusters. Mit der Verlegung von rund 2.500 Arbeitsplätzen an den Standort Salford Quays hat die Rundfunkanstalt BBC der Entwicklung des Medien- und Creativclusters rund um die Mediacity UK in Manchester einen entscheidenden Impuls gegeben. Es folgten der Privatsender ITV sowie zahlreiche Medien- und IT-Unternehmen, die mit BBC zusammenarbeiten beziehungsweise an einer Zusammenarbeit interessiert sind.


Einen weiteren Coup hat Manchester mit der Ansiedlung von Amazon in der Innenstadt gelandet. In dem Bürogebäude werden 600 Beschäftigte, darunter Softwareentwickler, Lösungsarchitekten und Wissenschaftler, tätig sein.


Wie das Buhlen um die zweite Unternehmenszentrale von Amazon in den Vereinigten Staaten gezeigt hat, kann die Politik einen entscheidenden Einfluss auf die Ansiedlung von Großunternehmen haben, kommentiert Mike Gedye: „Standortentscheidungen werden oftmals auf der Basis von Steuersätzen und Anreizen getroffen.“


Hanover House Manchester
Amazon

Schaffung des richtigen Ökosystems

Auch ein entsprechendes Ökosystem ist für die Entstehung eines Clusters entscheidend. Das herkömmliche Modell eines Business-Parks auf der grünen Wiese mit Bürotürmen für Weltunternehmen locke nicht die Gründer beziehungsweise Talente an, die ein lebendiges Tech- und Kreativcluster entstehen lassen, meint der Experte von CBRE. „Vielmehr muss man mit gezielten Maßnahmen attraktive, gut durchmischte Standorte mit hoher Aufenthaltsqualität für Start-ups und Scale-ups schaffen. Ein Ökosystem aus erfolgreichen Start-ups dürfte dann auch ein Großunternehmen anziehen, das von den damit verbundenen Möglichkeiten profitieren will.“


Ein attraktives Umfeld kann auch dadurch geschaffen werden, dass man Unternehmen in der frühen Wachstumsphase mit flexiblen Mietkonzepten und vergünstigten Mieten entgegenkommt. Darüber hinaus erwarten die Nutzer ein Rundum-Angebot an Service und Versorgung, mit dem sie die benötigten Fachkräfte für sich gewinnen können. Berufliches und Privates verschmelzen, auch gemeinschaftliche Aktivitäten sind gefragt. Und zunehmend wollen diese Fachkräfte in einer dynamischen Innenstadtlage arbeiten, die die passende Umgebung für Wohnen, Arbeiten und Freizeit bietet.


Von starken Technologieclustern profitieren Projektentwickler und Betreiber tendenziell in Form von hohen Mieten. „Für Technologie- und Medienunternehmen ist das Arbeitsumfeld mehr als eine Frage der Immobilie. Es handelt sich vielmehr um ein entscheidendes Instrument für die Personalgewinnung und einen Bestandteil der Arbeitgebermarke“, erklärt Mike Gedye. „Daher sind sie eher bereit, für die passende Umgebung mit hohem Serviceniveau etwas mehr zu zahlen.“


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